Kultur : Im Irrgarten des Bösen

LENNART PAUL

Angenehmer als an der Blue Bay High School in Florida kann Schulalltag kaum sein.Segeln steht auf dem Stundenplan, und der Reichtum der Jugendlichen paßt wunderbar zu ihrer Schönheit.Kelly van Ryan (Denise Richards), eine der wohlhabendsten unter ihnen, ist mit einem makellosen Körper ausgerüstet.Den setzt sie hemmungslos ein, um ihren Lehrer Sam Lombardo (Matt Dillon) zu erobern.Als sie eines Nachmittags sein Auto waschen darf, stattet sie ihm anschließend mit durchnäßtem T-Shirt einen Hausbesuch ab.Was dann passiert, bleibt ungezeigt.Doch ihrer Mutter erzählt Kelly unter Tränen, vergewaltigt worden zu sein.Zunächst scheint Aussage gegen Aussage zu stehen.Dann meldet sich Suzie, die Außenseiterin der Schule (Neve Campbell), bei dem Polizisten Ray Duquette (Kevin Bacon).Auch sie behauptet, von Sam mißbraucht worden zu sein, und sie ist bereit, vor Gericht auszusagen.Dort jedoch widerruft sie ihre Anschuldigung und wirft Kelly vor, sie zur Falschaussage angestiftet zu haben.

Fällt den amerikanischen Drehbuchautoren nichts mehr ein, so daß die Produzenten jetzt schon schwache deutsche Filme wie "Der Campus" zu Eigenprodukten ummodeln? Zweierlei läßt uns nach 20 Minuten gemäßigter Langeweile nicht daran glauben: Erstens hat Regisseur John McNaughton immerhin mit seinem Erstling "Henry.Portrait of a Serial Killer" einen faszinierend abseitigen Film gedreht.Zweitens war im Vorspann die Kamera über die Sümpfe Floridas geflogen und dann in die Straßenschluchten Miamis getaucht.Aha: Hinter den zivilisierten Fassaden lauert der Morast aus Amoral und menschlich-unmenschlichen Begierden.

Und richtig.McNaughtons Film hat mehr auf Lager, als in ein langwieriges Gerichtsdrama zu münden.Denn die Abgründe, die ihn interessieren, sind tiefer als die vermeintliche Lüge zweier Schülerinnen vor den Geschworenen.Und schon gewinnt der Film an Tempo.Täuschung auf Täuschung folgt, aber "Wild Things" ist dem Zuschauer immer nur einen Schritt voraus, damit der im Irrgarten des Bösen nicht aufgibt.Schnell wechseln Täter und Opfer ihre Rollen, ebenso schnell werden die Sexpartner getauscht.

Matt Dillons ambivalente Ausstrahlung verhalf schon dem Film "Der Kuß vor dem Tode" zum Erfolg.Dank seiner sanften, braunen Augen traut man ihm nichts Schlechtes zu, wegen der derben Kantigkeit von Kinn und Wangen kaum Gutes.Neve Campbell, das Überlebenswunder aus "Scream", hält ihre Figur ebenso geschickt auf der Kippe zwischen der orientierungslosen Verliererin und der berechnenden Siegerin.Ein Thriller aus der Tiefkühltruhe der amerikanischen Wohlstandswelt, der nur ab und an einen Haken zu viel schlägt und dadurch wieder durchschaubar wird.

In zwölf Berliner Kinos; Kurbel (OV)

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