Kultur : Im Jammerland

Deutsche vor der Wahl: „Die große Depression“

Kerstin Decker

Das fängt nicht schlecht an: Politiker im Gegenschnitt sagen etwas zur Lage der Nation und verraten, mit wie viel Schulden heute jeder neue Bundesbürger zur Welt kommt. Zu sehen ist ein Kreißsaal. Jedes ungeborene Kind müsste jetzt eigentlich mit Streik antworten, mit der strikten Weigerung, seine Urhöhle zu verlassen. Schließlich kommt man nicht einfach „zur Welt“, sondern in ein Land, nach Deutschland zum Beispiel. Das Kind des Filmemachers Konstantin Faigle, das sich noch im Bauch seiner halbspanischen Freundin befindet, wird also bald ein Deutscher sein. Die Variante, das Dasein als Spanier zu beginnen, wird nicht erörtert. Vielleicht, weil ein Filmemacher aus Schwaben es in Spanien auch nicht leicht hätte.

Der werdende Vater unternimmt mit „Die große Depression“ stattdessen eine groß angelegte Feldforschung zur Frage, ob wir Deutschen unseren Kindern überhaupt zumutbar sind. Sind wir nicht viel zu depressiv? Faigle sucht das deutsche Depressionsgen: eine hübsche Idee und zugleich eine strukturelle Überforderung. Dieser Filmessay müsste permanent auf dem schmalen Grat zwischen Unernst und tiefstem Ernst balancieren. Aber Faigle stürzt ständig ab. Dass er sich selbst in den Mittelpunkt stellt, liegt zwar in der Natur der Sache. Dass er sich dabei halb als Hölderlin, halb als Michael Moore inszeniert, macht die Sache jedoch ein bisschen peinlich. Dabei findet er bemerkenswerte Sachverständige wie etwa jenen Risikoforscher, der erklärt, dass wir Deutschen mehr als andere Völker zur Hysterie neigen. Welch ein Zittern durchlief uns bei der BSE-Nachricht. Aber bisher sind genauso viel Menschen durch BSE gestorben wie durch „unachtsames Trinken von Lampenöl“. Ein Kollege Faigles verkleidet sich als Bayernkönig, und die Gesichter werden weich und klar beim Anblick des Königs. Und etwas später mischt sich Faigle in eine Leipziger Anti-Hartz-IV-Demo mit dem Plakat „Deutsche, hört auf zu jammern!“.

Der Film zur Wahl? Das möchte die „Kleine Fernsehspiel“-Produktion des ZDF gerne sein. Aber die Verwechslung von Ursache (größter gesellschaftlicher Umbruch der Nachkriegsgeschichte) und Wirkung (Depression) wirkt auf die Dauer doch quälend.

Central, Neues Kant, Yorck-Kinos

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