• Im Keller die Hexe, im Himmel der Baum - Finnlands Nationaloper in der Deutschen Oper Berlin

Kultur : Im Keller die Hexe, im Himmel der Baum - Finnlands Nationaloper in der Deutschen Oper Berlin

Uwe Friedrich

Einige gute Sänger, Opern von Leevi Madetoja und Aulis Sallinen und natürlich das Sommerfestival von Savonlinna, viel mehr wissen selbst eingefleischte Kenner nicht über die Opernszene Finnlands. Da ist es äußerst verdienstvoll, dass die Finnische Nationaloper Helsinki bei ihrem Gastspiel in der Deutschen Oper Berlin nicht auf sichere Publikumsrenner setzt, sondern ein zeitgenössisches Bühnenwerk im Gepäck hat, nämlich die Märchenoper "Der singende Baum" des Finnlandschweden Erik Bergman.

Der große alte Mann des finnischen Musiklebens hatte sich viel Zeit gelassen mit seiner ersten Oper. Zwar hatten bereits viele seiner früheren Werke szenischen Charakter, doch erst mit 75 Jahren schrieb er wirklich für die Bühne. Als Vorlage für sein Spätwerk wählte er nach bewährter Komponistensitte ein Volksmärchen, nämlich die schwedische Fabel vom Prinzen Hatt unter der Erde.

Diese Geschichte von einer Prinzessin, die ihren Prinzen nicht im Licht erblicken darf, nimmt er zum Anlass, sein ganzes Können als faszinierender Orchesterarrangeur zu zeigen. So flirren und schimmern die Orchesterfarben um die Wette, changiert das Stück zwischen "Zauberflöten"-Anspielungen und "Lohengrin"-Zitaten, ohne jedoch in Eklektizismus zu verfallen. Vor allem der hervorragende Chor der Finnischen Nationaloper wird über weite Strecken als Klangfarbe eingesetzt. Vom Bühnen- und Kostümbildner Seppo Nurmimaa in den Bühnenboden verbannt, klagt oder jauchzt er seine Kommentare zur Handlung.

Der Baum wird symbolisiert durch eine kinetische Installation aus Stahlstangen, die aus dem Bühnenhimmel herabschwebt, mehrere Hubpodien mit Treppen und Podesten definieren die Spielräume im Palast des Königs in den Wurzeln des singenden Baums. Hier in der Dunkelheit wohnt Prinz Hatt, der sich aus den Fesseln seiner Mutter, einer Hexe, befreien will. Die lässt ihn jedoch gehen und durchkreuzt seine Pläne. Eine Prinzessin verliebt sich in den Prinzen, wird aber mit dem Fluch belegt, ihn nie im Licht anzusehen. Selbstverständlich sind Liebe und Neugier zu groß, sie blendet ihn wider Willen, als sie sein Gesicht sehen will. Schließlich überlistet die Prinzessin die Mutter des Prinzen, muss aber das Wiedersehen mit dem Geliebten ihrerseits mit dem Augenlicht bezahlen.

Das Liebesduett am Schluss ist zwar hart an der Grenze zum Kitsch, doch wenn es so brillant gesungen wird wie von der überragenden Ritva-Liisa Korhonen und Petteri Salomaa, ist es schwer, sich dem emotionalen Sog dieser Musik zu entziehen. Daran hat das Orchester der Finnischen Nationaloper einen nicht zu überschätzenden Anteil. Vom traditionellen Orchesterklang bis zu exotischeren Farben der mit dem Geigenbogen gespielten Becken lotet Bergman die Farbtiefe der Märchenhandlung aus.

Ob "Der singende Baum" sich außerhalb Finnlands wird durchsetzen können, darf bezweifelt werden. Aber dieses Gastspiel ist schon allein deshalb hoch zu loben, weil es Berlin die Möglichkeit gab, das bei seiner Uraufführung viel beachtete Werk kennen zu lernen. Und das engagierte Spiel, die hohe Qualität der künstlerischen Leistung machen äußerst neugierig auf den weiteren Verlauf des hochwillkommenen Gastspiels."Peter Grimes" von Benjamin Britten heute und am Sonnabend, 19 Uhr; Orchesterkonzert Sonntag, 17 Uhr.

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