Im Kino: Doku "Bauer unser" : Euer täglich Brot

Es geht auch anders: Der packende Dokumentarfilm „Bauer unser“ entwirft ein komplexes Bild der Agrarindustrie - und hinterfragt ihre weitreichenden Abhängigkeiten.

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Oink, oink. Ein Viehtransporter bringt Jungschweine zur Mastanlage.
Oink, oink. Ein Viehtransporter bringt Jungschweine zur Mastanlage.Foto: mfa-film

„Vater unser, der du bist im Himmel ...“ Schon ist klar, woher der Dokumentarfilm des Österreichers Robert Schabus seinen existenziellen Anspruch bezieht. Der Titel „Bauer unser“ adaptiert die ersten Worte des bekanntesten Gebets der Christenheit. Übertrieben ist das nicht. Schließlich zielt der solcherart mit religiösem Pathos aufgeladene, ja quasi geheiligte Beruf direkt auf den Bauch des Menschen – und markiert im Übergang vom jagenden Nomaden zum sesshaften Ackerbauern nicht weniger als den Ursprung der menschlichen Zivilisation.

„Unser täglich Brot“, das schafft der Landmann. Nur schade, dass den Bauern, die in dieser so packenden wie niederschmetternden Bestandsaufnahme eines zutiefst verunsicherten Berufszweiges zu Wort kommen, ihr einstmals stolzes Standesbewusstsein komplett abhanden gekommen ist. Der Druck des Agrarmarktes bringt Irrsinn hervor wie den, dass ein vorindustriell wirtschaftender, afrikanischer Kleinbauer seine Familie noch von einer Kuh ernähren kann, der privilegierte europäische Kollege aber mit Hightech-Maschinenpark dazu 130 Kühe braucht und selbst dann in Zeiten der Milchkrise nur Miese produziert.

Die vorgestellten Schweinezüchter und Milchbauern – in streng kadrierten, betont statischen Bildern porträtiert, die von einer schmerzhaften Entfremdung zwischen Mensch und Natur künden – mögen offiziell noch die Herren ihrer Scholle sein. Auf den zweiten Blick sind sie jedoch allesamt Getriebene in der von ihnen selbst befeuerten Wachse-oder-weiche-Spirale, die zudem den durch Überproduktion hervorgerufenen Preisverfall mit weiteren Kapazitäten „bekämpfen“ will. Ohne Rücksicht auf das Wohl der Tiere, der Menschen, Höfe und Dörfer, ja der ganzen Kulturlandschaft.

In den vergangenen Jahren hat es viele Dokumentationen gegeben, die die neoliberale Idee kritisieren, Essen und Trinken zur einzig der Profitmaximierung dienenden globalen Handelsware zu machen – analog zum Erstarken der Bio-Bewegung und dem von Großstadt-„Foodies“ angetriebenen Interesse an besseren Lebensmitteln. Über Honig, über Fleisch, über Gemüse, über Milch, gegen Landspekulation. Nicht zuletzt als Gegenmodelle zur entfesselten Agrarindustrie: Der traditionelle kleinbäuerliche Familienbetrieb oder das Sennerinnen-Leben wurden fleißig porträtiert, auch als Dokumente einer aussterbenden Lebens- und Arbeitsweise.

Jetzt sind sie drin im Stall von Martin Suette. Er verfügt über 1300 Mastplätze.
Jetzt sind sie drin im Stall von Martin Suette. Er verfügt über 1300 Mastplätze.Foto: mfa-film

Wenn in „Bauer unser“ Regisseur Schabus die in ihren Ställen interviewten Bauern mit Drohnenaufnahmen der grafisch anmutenden Höfe einführt und mit abstrakten Bildern von Melkrobotern oder Eier-Sortieranlagen gegenschneidet, dann geschieht das meist ohne Pathos und Romantik, aber mit Botschaft. In der Doku zielen auf die in Zwischentiteln transportierten Fakten („In Europa schließen jedes Jahr 350 000 Bauernhöfe“) gegen die Agrarkonzern- und Händlerlobby.

Schabus hat sie alle gesprochen: Molkereichefs, Kaufleute, Bauernfunktionäre, Agrarpolitiker, Welthandelskritiker, Uniprofessoren, konventionell und biologisch wirtschaftende Bauern. So ergibt sich ein komplexes – und das ist neu und hoffnungsvoll! – auch die Agonie der Bauern thematisierendes Bild eines Systems, das bis zu afrikanischen Flüchtlingen und der hohen Selbstmordrate unter französischen Bauern reicht.

Massentierhaltung, Massentierschlachtung. Ende eines Schweinelebens.
Massentierhaltung, Massentierschlachtung. Ende eines Schweinelebens.Foto: mfa-film

Es gibt ein Interesse der Konsumindustrie, die Preise für Nahrungsmittel niedrig zu halten, stellt der ehemalige Europa-Abgeordnete der Grünen Benedikt Härlin fest. „Was der Mensch ins Essen steckt, kann er nicht für ein neues Handy ausgeben.“ Das leuchtet ein. Ebenso wie die Erkenntnis, dass es weder ethisch vertretbar noch im Sinne weltweiter Ressourcen ist, wenn ein Liter Mineralwasser mehr kostet als ein Liter Milch. Dieser Film macht es unmöglich, das beim nächsten Einkauf zu ignorieren.

Biobauer Ewald Grünzweil benügt sich mit 40 Kühen. Das funkioniert, weil er von der Substanz lebt und große Investitionen meidet.
Biobauer Ewald Grünzweil benügt sich mit 40 Kühen. Das funkioniert, weil er von der Substanz lebt und große Investitionen meidet.Foto: mfa-film

"Bauer unser" von Robert Schabus läuft in den Kinos Babylon, Delphi, Filmtheater am Friedrichshain und Hackesche Höfe.

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