Im Kino: "Little Men" von Ira Sachs : Eine Stadt wie ein Versprechen

Magische, urbane Kindheitsmomente: Ira Sachs „Little Men“ erzählt von Freundschaft, Jugend, Gentrifizierung - und ist eine Liebeserklärung an New York.

Kirsten Taylor
Wahre Freunde. Tony (Michael Barbieri,l.) und Jake (Theo Taplitz) erkunden Brookyln.
Wahre Freunde. Tony (Michael Barbieri,l.) und Jake (Theo Taplitz) erkunden Brookyln.Foto: Edition Salzgeber

Es ist Freundschaft auf den ersten Blick. Der 13-jährige Tony (Michael Barbieri) lebt seit seiner Geburt in Brooklyn, der gleichaltrige Jake (Theo Taplitz) ist aus Manhattan hierher gezogen, in das kleine Haus, das sein Vater Brian Jardine (Greg Kinnear) geerbt hat. Früher befand sich im Erdgeschoss ein Gemüseladen, jetzt verkauft dort die Chilenin Leonor (Paulina García) selbst geschneiderte Kleider. Viel Geld wirft das Geschäft nicht ab, aber es reicht für sie und ihren Sohn Tony. Nicht jedoch für Jakes Eltern, die mit einer höheren Ladenmiete ihre finanzielle Situation verbessern wollen.

New York und seine Geschichten haben es Regisseur Ira Sachs angetan. Er beobachtet seine Heimatstadt, deren Veränderungen die Einwohner herausfordern. Schon in „Love is Strange“ (2014) thematisierte er den Strukturwandel: Jahrzehntelang lebten George und Ben, ein schwules Paar um die 60, in ihrer gemeinsamen Wohnung, doch als ein Job wegfällt, ist diese nicht mehr finanzierbar. Sie sind Leidtragende der Gentrifizierung, zu der – aus finanziellen Zwängen – auch die Jardines in „Little Men“ beitragen. Brian, ein mäßig erfolgreicher Schauspieler, und seine Frau Kathy, eine Therapeutin, suchen das Gespräch mit Leneor, doch die alleinerziehende Mutter weicht ihnen aus. Auch sie ahnt, dass ihre Existenzgrundlage auf dem Spiel steht, da ihr Laden vermutlich einem Coffeeshop weichen wird. Sachs beobachtet diese Prozesse mit nuanciertem Blick für die daraus resultierenden zwischenmenschlichen Konflikte.

Die Stadt ist da, um erkundet zu werden

„Little Men“ erzählt von einer sozioökonomischen Gegenwart, die mit der Wirklichkeit von Tony und Jake zunächst wenig zu tun hat. Sie leben in ihrer eigenen Welt, doch auch sie machen Veränderungen durch: Aus Kindern werden Teenager. Die Stadt ist da, um erkundet zu werden. Fußballspielen im Park, Kinderdisco am Nachmittag und immer wieder mit Scooter und Rollerblades durch die sommerlichen Straßen von Brooklyn – magische, urbane Kindheitsmomente, die der Film in flirrenden Kamerafahrten festhält. Sie zeigen das Freiheitsversprechen einer Stadt, in der zwei ganz unterschiedliche Jungen Freunde werden können. Der stille Jake blüht in der Gegenwart von Tony regelrecht auf. Was genau die beiden verbindet, bleibt unausgesprochen. Wer aber mehr als eine harmlose Jungsfreundschaft vermutet, bekommt schnell Tonys Fäuste zu spüren.

Doch eben diese Freundschaft wird auf die Probe gestellt. „Unsere Eltern haben sich wegen Geld gestritten und lassen ihren Ärger an uns aus“, beschwert sich Tony bei seinem besten Freund. Welche Handlungsmöglichkeiten hat man mit 13 Jahren aber? Tony und Jake treten in einen Streik – eine Idee, zu der Ira Sachs und sein Drehbuchautor Mauricio Zacharias von Ozu Yasujirôs „Ich wurde geboren, aber …“ (1932) inspiriert wurden. „Little Men“ nimmt dabei die Perspektive und Moralvorstellungen der Jungen ein, die für die Konflikte der Eltern wenig Verständnis aufbringen können.

Auch wenn die sich wandelnde Stadt und die damit verbundenen Spannungen die Folie liefern, vor der „Little Men“ spielt, geht es in erster Linie um die Freundschaft der beiden Jungen. Eine Freundschaft, auf die man später zurückblicken und deren Besonderheit man erkennen wird, weil sie für die eigene Sozialisation so enorm wichtig war. Für einen Sommer – oder länger. Sein Film, so Sachs, erzähle „über den Verlust, nicht über die Zukunft“. Doch tut er dies nicht wehmütig, sondern mit sanfter Beiläufigkeit.

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