Im Kino: "Silence" : Adam Driver und Andrew Garfield unterwegs im Auftrag des Herrn

Martin Scorsese folgt in „Silence“ zwei Missionaren nach Japan. Der Film schwelgt in Bildern von Folter und Tod. Und stellt dabei die Wirklichkeit des Kolonialismus auf den Kopf.

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Die Jesuiten Francisco Garpe (Adam Driver, l.) und Sebastiao Rodrigues (Andrew Garfield) verstecken sich 1637 im Schilf.
Die Jesuiten Francisco Garpe (Adam Driver, l.) und Sebastiao Rodrigues (Andrew Garfield) verstecken sich 1637 im Schilf.Foto: Concorde

Als Jesus von den Toten auferstand und zum letzten Mal seine Jünger traf, befahl er ihnen: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium zu allen Menschen.“ Mit diesem Auftrag begann nicht bloß die Geschichte der Missionierung, sondern auch die des Kolonialismus. Denn mit den Predigern schwärmten auch Soldaten und Händler aus. Sie machten sich die Welt untertan.

Der Missionsbefehl aus dem Matthäus-Evangelium wird gleich am Anfang von Martin Scorseses Film „Silence“ aus dem Off zitiert. Die Jesuiten Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garpe (Adam Driver) brechen von Lissabon nach Japan auf. Sie wollen ihren Lehrer Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) finden, der dem Christentum abgeschworen haben und zum Buddhismus übergetreten sein soll. „Silence“ beginnt im Jahr 1637. Japan hat sich abgeschottet und verfolgt Christen mit brutaler Härte. „Von dem Augenblick an, in dem ihr das Land betretet, seid ihr in Lebensgefahr“, warnt der Abt die beiden Missionare.

Scorsese hat seinen Film den japanischen Christen gewidmet

Japan gehört zu den ganz wenigen Ländern in Asien, Afrika und Amerika, die sich erfolgreich gegen die Kolonisation gewehrt haben. Jesuiten aus Spanien und Portugal hatten ab 1549 ihren Glauben in Japan verbreiten können, doch nachdem 1637 ein Aufstand von überwiegend christlichen Bauern niedergeschlagen worden war, ließ der Tenno die Missionare ausweisen und das Christentum verbieten. Wer danach noch als Christ identifiziert wurde und sich weigerte, sein Bekenntnis zu widerrufen, musste damit rechnen, hingerichtet zu werden.

Manche Exekution geriet zur Propagandashow. Zeitgenössische Kupferstiche zeigen, wie Christen in den heißen Quellen des Vulkans Kyushu zu Tode gebrüht werden. Die Kakure Kirishitan, die verborgenen Christen, zelebrierten ihre Religion im Klandestinen, wie die Urchristen in den Katakomben von Rom. Heute bekennen sich etwa ein Prozent der Japaner zum Christentum. Ihnen hat Scorsese seinen 26. Spielfilm gewidmet.

„Silence“, der auf einem Roman des japanischen Schriftstellers Shusaku Endo beruht, ist ein frommer, fast missionarischer Historienfilm. Seit dreißig Jahren wollte der überzeugte Katholik Scorsese diesen Film drehen, nun, da er ihn endlich verwirklichen konnte, wirkt er wie aus der Zeit gefallen. Die japanischen Christen sterben als Märtyrer, und die beiden europäischen Priester, die ihnen beistehen, agieren wie Heilige. Garfield spielte unlängst in „Hacksaw Ridge“ von Mel Gibson eine ähnliche Rolle. In einer Schlüsselszene erblickt er in einer Quelle sein Spiegelbild und erkennt darin das Antlitz des gemarterten Jesus. So wird die Reise nach Japan für den jungen Jesuiten zum Passionsweg.

Rodrigues und Garpe stoßen in Japan auf eine majestätische, menschenfeindliche Landschaft und werden von einer ärmlichen Dorfgemeinschaft aufgenommen, die heimlich Gottesdienste feiert. „Diese Menschen sind die treuesten Wesen der Welt“, schreibt Rodrigues dem Abt. Allerdings tauchen bald Samurai auf, die nach Christen suchen. Die Bewohner werden gezwungen, ihren Fuß auf Bilder von Jesus, Maria oder Heiligen zu setzen, um ihre Loyalität zu beweisen. Drei Bauern weigern sich. Sie werden im Meer gekreuzigt. Einer stirbt erst nach drei Tagen, die Leichname lässt man auf einem Scheiterhaufen verbrennen, damit sie kein christliches Begräbnis bekommen können.

Schwelgen in Bildern von Folter und Tod

„Warum hat Gott sie auserwählt, so sehr zu leiden?“, fragt Rodrigues, der die Szene aus dem Dschungel beobachtet. Seine Worte erinnern an den Ausruf des gekreuzigten Jesus: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In „Silence“ geht es um die Theodizee-Frage: Wie kann es sein, dass Gott Angst und Gewalt unter seinen Gläubigen zulässt? Mit dem Schweigen des Titels ist das unergründliche Schweigen Gottes gemeint.

Martin Scorsese, der mit „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) ein alternatives Biopic über Jesus gedreht hat, kennt sich aus in den christlichen Bilderwelten. Nachdem Rodrigues gefangen genommen wurde, reitet er auf einem Pferd in Nagasaki ein, wird verspottet und beworfen – eine Mischung aus Jesus’ finaler Ankunft in Jerusalem auf einem Esel und dem Kreuzweg. Der Film schwelgt in Bildern von Folter und Tod. Christen werden im Meer ertränkt, lebendig verbrannt oder an den Füßen aufgehängt. Als Rodrigues in einem Holzkäfig auf seine Hinrichtung wartet, rollt der Kopf eines Leidensgenossen vorbei.

Einheimische Mörder, verfolgte Europäer: „Silence“ stellt die Wirklichkeit des Kolonialismus auf den Kopf.

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