Im Kino: "Suburra" : Dreck am Schuh

Düsteres Sittenbild und präzise erzählter Mafiathriller: Mit „Suburra“ hat Stefano Sollima den gleichnamigen Roman von Carlo Bonini und Giancarlo De Cataldo verfilmt.

Thomas Groh
Party-Opfer. Viola (Greta Scarano) rächt ihre Freundin.
Party-Opfer. Viola (Greta Scarano) rächt ihre Freundin.Foto: Koch Media

Rom, Hure Babylon, Ewige Stadt. Sieben Tage bis zur Apokalypse, so informiert am Anfang von Stefano Sollimas „Suburra“ eine Texttafel. Es ist der November des Jahres 2011: Italien steht vor dem Staatsbankrott, die Regierungspartei vor dem Zerfall, der Papst bereitet seinen Rücktritt vor. Derweil feiern sich die Eliten des Landes, unberührt von den Umständen, in einen Rausch. Der Abgeordnete Malgradi (Pierfrancesco Favino) zieht sich mit Prostituierten und Crack in ein Hotel zurück, während der frühere Faschist und Mafia-Fürst „Samurai“ (Claudio Amendola) sich mit unbeteiligter Miene alten Dreck vom Schuh klopft.

Er protegiert im Auftrag der Mafia den Bau eines Vergnügungsviertels an einem heruntergewirtschafteten Küstenstreifen vor den Toren der Stadt. Das Mini-Las-Vegas soll die ökonomischen Machtverhältnisse in Rom neu ordnen. Das Finanzielle klärt Samurai direkt mit dem Vatikan, um den nötigen Parlamentsbeschluss kümmert sich Malgradi, das Grobe erledigen seine schweren Jungs. Auf der anderen Seite des Verbrechens steht ein „Zigeuner“-Clan, der der ehrenwerten Gesellschaft ein Dorn im Auge ist. Zwischen den Fronten: ein paar Kleinkriminelle, die das schnelle Geld riechen.

Wie ein präzises Uhrwerk schnurrt die Erzähltechnik

Suburra hieß in der Antike das Rotlichtviertel Roms. Von dort stammt auch der Machtpolitiker Julius Cäsar. Eine Dynamik, die auch Regisseur Sollima interessiert: Sein Film, der auf dem gleichnamigen Roman von Carlo Bonini und Giancarlo De Cataldo basiert, bezieht alle Mitglieder der italienischen Gesellschaft ein. Vom Junkie bis zum höchsten Würdenträger kommt jedem Glied der sozialen Hierarchie eine Funktion in dem komplexen Intrigenspiel zu.

Wie ein präzises Uhrwerk schnurrt diese Erzählmechanik ab, ausgelöst durch einen Zwischenfall im Hotelzimmer des Abgeordneten: Eine minderjährige Prostituierte stirbt an einer Überdosis, ihre Leiche muss entsorgt werden. Ein Kleinkrimineller aus dem sogenannte „Zigeuner“-Clan übernimmt den Job, wittert aber ein Geschäft. Sein Erpressungsversuch löst eine Kettenreaktion aus, die sich bis in höchsten Kreise fortsetzt. Die Situation eskaliert. Derweil tickt der Countdown.

Sollima ist im italienischen Kino ein klangvoller Name. Stefano, Regisseur der Serienversion von „Gomorra“, ist der Sohn von Sergio Sollima, der wegen seiner linken Western und Thriller unter Genrefans hoch angesehen ist. An das Genrekino der Siebziger knüpft „Suburra“ an: Sozialkritische Klassiker wie „Der Tod trägt schwarzes Leder“ oder „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ thematisierten schon damals die Kultur der Korruption in Italien .

Urbane Neonlichter treffen auf New-Wave-Disco

Formal orientiert sich Sollima in seinem 130-Minuten-Epos indes an der Neo-Noir-Ästhetik, die seit Nicolas Winding Refns „Drive“ wieder in Mode ist: Urbane Neonlichter treffen auf nostalgisch anmutenden New-Wave-Disco. Diese etwas gefällige Anschmiegsamkeit macht der Film mit einer hochverdichteten Erzählweise wieder wett. Beeindruckend, wie konzentriert und präzise der Regisseur die vertrackten Konstellationen seines Plots mit einem guten Dutzend Figuren und unterschiedlichsten Milieus im Griff hat. In der Ära der Qualitätsserie würden andere Regisseure für das, was Sollima in 130 Minuten erzählt, vermutlich eine ganze Staffel benötigen.

Die düstere Mixtur aus Narzissmus, vulgärem Hedonismus, hemmungsloser Gewalt und Gier bestimmt den Ton von „Suburra“. Rechtliche oder moralische Instanzen blendet der Film fast vollkommen aus. 2015 entstanden, startet er nun kurz nach dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten. Das kann man passend finden. Umso befriedigender der kräftige Punch am Ende des Films.

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