Im Kino "Wiener Dog" : Die Liebe, möglicherweise

Todd Solondz’ „Wiener Dog“ hat unvermutet zarte Momente. Doch harmlos ist hier nichts: Die Geschichte eines Dackels verknüpft vier teils bittere Lebensentwürfe.

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Schauspielerin Greta Gerwig als Dawn mit Dackel in einer Szene aus dem Film "Wiener Dog".
Schauspielerin Greta Gerwig als Dawn mit Dackel in einer Szene aus dem Film "Wiener Dog".Foto: Prokino Filmverleih/dpa

Daran, dass sein neuestes Werk „Wiener Dog“ in vielen Online-Filmforen nicht sonderlich gut wegkommt, ist Regisseur Todd Solondz nicht ganz unschuldig. Angesichts eines relativ unverfänglichen Trailers und eines geschmackvoll-harmlosen Plakats wirkt die Beschreibung des Plots – „Reisen und Abenteuer eines Dackels, der seinen verschiedenen Besitzern Freude und Trost spendet“ – durchaus irreführend. Wer eine leichtherzige Komödie erwartet, erlebt sein blaues Wunder. Das geht schon damit los, dass der Hund nicht die Hauptfigur ist; vielmehr verknüpft er als dramaturgisches Element vier separate Episoden, die von teils bitter scheiternden menschlichen Lebensentwürfen künden. Auch von Abenteuern im engeren Sinne kann keine Rede sein, und des Dackels Freude und Trost kommen nicht an gegen die Stimmung von Verzweiflung und Vergeblichkeit.

Es sind die Stimmen enttäuschter, verstörter und angewiderter Tierfreunde, die die Online-Kommentare dominieren. Doch so etwas ficht Solondz nicht an, im Gegenteil: Ihn fasziniert das neurotische Verhältnis von Menschen zu Hunden, wie er beim Gespräch mit dem Tagesspiegel bekennt. Sein Vorbild sei nun einmal nicht „Lassie“, sondern „Zum Beispiel Balthasar“, Robert Bressons Klassiker von 1966 über das beschwerliche Leben eines Esels. „Ich weiß nicht, ob es damals Esel-Liebhaber gab, die gegen den Film protestierten“, merkt er süffisant an. Keine Frage, der drollige Dackel funktioniert prächtig als Köder für arglose Zuschauer, die Solondz dann mit Vergnügen vor den Kopf stoßen kann.

Solondz verfolgt das Ziel, auch die tiefsten Abgründe seiner Charaktere auszuleuchten

Seit er vor 20 Jahren mit der Coming of-Age-Horrorkomödie „Willkommen im Tollhaus“ seinen Durchbruch erlebte, hat der kontrovers agierende Regisseur einen festen Platz im US-Independentfilm. Solondz’ loyale Anhängerschaft ist mit seinem schonungslosen Weltbild und zynischen Humor, mit den oft unsympathischen Figuren und ihren quälend langen Gesprächspausen bestens vertraut. Vielleicht sind also derlei Täuschungsmanöver nötig, um noch ein Publikum zu erreichen, bei dem er anecken kann.

Wer freilich die Filme von Todd Solondz auf ihre Provokationen reduziert, verpasst vieles; das radikalempathische Unterfangen etwa, auch die tiefsten Abgründe seiner Charaktere auszuleuchten. Oder die von stets starken Darstellerensembles aufgeworfenen philosophischen und erzähltheoretischen Fragen. „Wiener Dog“ überzeugt zudem durch dichte Motivik und kunstvolle Komposition: Zunächst kommt der Dackelwelpe zu einem neunjährigen Jungen (Keaton Nigel Cooke), von dort zu einer jungen Tierarzthelferin (Greta Gerwig), dann zu einem älteren Drehbuchdozenten (Danny DeVito) und schließlich zu einer alten Dame (Ellen Burstyn) – fortschreitende Abschnitte des Lebens also, inhaltlich verbunden durch das in jedem Segment auftauchende Thema Tod. Und: So wie der Hund je nach Besitzer verschiedene Leben führt, sind auch die Menschen immer wieder mit der Frage nach anderen Identitäten und Existenzen konfrontiert.

„Weil wir in der Realität nur ein einziges Leben haben, können wir uns die potenziellen Permutationen, die unser Leben auch nehmen könnte, nur vorstellen“, erklärt Solondz. „Das ist eine Erfahrung, die wir im Kino machen können, aber nicht in der Wirklichkeit.“ Die Frage des Was-wäre-wenn findet in „Wiener Dog“ ihren Höhepunkt in der großartigen Szene, in der die alte Dame der Schlussepisode mit diversen alternativen Versionen ihres kindlichen Ichs konfrontiert wird.

Die Geschichte ist ein Sonnenstrahl im meist bewölkten Solondz-Kosmos

Besonders raffiniert verkörpert zudem die Tierarzthelferin der zweiten Episode dieses Gedankenspiel – handelt es sich bei ihr doch um Dawn Wiener, die inzwischen erwachsene, einst schwer schikanierte jugendliche Protagonistin von „Willkommen im Tollhaus“. Seinen Film „Palindrome“ (2005) ließ Solondz mit Dawns Beerdigung beginnen; es hieß, sie habe sich wegen einer ungewollten Schwangerschaft das Leben genommen. Nun ist sie also wieder da und findet, möglicherweise, die Liebe. „Weil Dawns Geschichte letztes Mal so freudlos war, wollte ich ihr diesmal etwas Sonnigeres geben“, sagt Solondz. „Ihre Episode ist wohl das Romantischste, was ich je gedreht habe.“

Drehbuchdozent Schmerz (Danny DeVito) in einer Szene von "Wiener Dog"
Gassigänger: Drehbuchdozent Schmerz (Danny DeVito).Foto: Prokino

Es mag nicht die Art von Romantik sein, die ein Paar fürs zweite Date ins Kino lockt, aber die Geschichte ist ein willkommener Sonnenstrahl im meist schwer bewölkten Solondz-Kosmos. Pointiert und poetisch, bisweilen verspielt und durchgehend unterhaltsam ist „Wiener Dog“ nicht nur sein bester Film seit langem, sondern auch der – auch jenseits der Fangemeinde – bei weitem zugänglichste. Selbst wenn er nicht von den Abenteuern eines freudespendenden Dackels erzählt.

Kant; OmU: Babylon Kreuzberg, FaF, Central, Passage; OV im Rollberg

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