Kultur : Im Land des Hechelns

Wie Calixto Bieito an der Komischen Oper Berlin Puccinis „Madame Butterfly“ verkauft

Jörg Königsdorf

Leutnant Pinkerton trägt einen Slip. Senffarbenes Lycra, knapp geschnitten. Das Textil leuchtet immer dann keck hervor, wenn die Umstände eigentlich nackte Tatsachen erfordern: Beim Blow-Job etwa, den sich der propere Sextourist gleich anfangs von Fräulein Suzuki besorgen lässt. Und natürlich auch bei der umfassenden Spezialbehandlung, die ihm Suzukis Kollegin Butterfly zum orgiastischen Liebesduett verpasst, mit dem Giacomo Puccini den ersten Akt seiner Geisha-Oper enden lässt.

Die paar Quadratzentimeter Stoff seien dem ausführenden Operntenor von Herzen gegönnt. Gleichwohl stehen sie deutlicher als jedes andere Detail für das, was an Calixto Bieitos „Butterfly“ nicht stimmt. Für das, was sie von der verstörenden, bestürzenden Inszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ unterscheidet, mit der der Katalane vor gut einem Jahr Berlins Komische Oper in ihren Grundfesten erschütterte. Damals hatte Bieito tatsächlich schonungslos sein Theater der zwischenmenschlichen Grausamkeit auf die Bühne gebracht, Martern aller Arten, nackte Menschen und nackte Seelen gezeigt – und damit tatsächlich einen Nerv von Mozarts Musik getroffen: Die in aller Schönheit qualvolle Einsicht, dass zwischen Männern und Frauen auf Erden kein wirkliches Glück möglich ist. Dass der blinde Geschlechtstrieb des Mannes die Wurzel alles Bösen ist.

Eine Botschaft, für deren Vermittlung sich auf den ersten Blick kein anderes Werk der Opernliteratur so gut eignet „Madame Butterfly“. Denn in der tragischen Geschichte von der 15-jährigen Japanerin Cho-Cho-San, die ihr Herz an einen amerikanischen Offizier verliert, tut die zarte Titelheldin über zweieinhalb Stunden lang kaum etwas anderes, als sich hartnäckig an ihren Traum eines besseren Lebens zu klammern, während sich der Mann umgehend als hoffnungsloser Hallodri erweist.

Die dicke Zuckerguss-Schicht aus Reispapier-Romantik und Kimono-Folklore, die sich seit der (noch als anstößig empfundenen) Uraufführung der „Butterfly“ gelegt hat, sprengt das Bühnenbild von Alfons Flores freilich schon mit einem Schlag weg: Das Teehäuschen ist zum quietschbunten Love-Hotel mutiert, statt Kirschbäume stehen nur mehr bühnenhohe Kunstpalmen herum, aus der immerhin noch intakten japanischen Gesellschaft ist eine Abraumhalde trostloser Existenzen geworden.

Roheit regiert, Frauen müssen sich zwangsläufig als Nutten durchschlagen, weil die Männer allesamt nur Sex im Kopf haben: Vom Fürsten Yamadori (Günther Neumann) über den amerikanischen Konsul Sharpless (Tom Erik Lie), der hier nicht liebenswürdiger Onkel, sondern verschlagener Päderast ist, bis hin zu Pinkerton, der in seinem unbedarften Egoismus beinahe noch am sympathischsten ist. Dazwischen die Frauen: Die hilflose Suzuki (Susanne Kreusch) und Butterfly selbst, für die sich der Traum vom besseren Leben in Gestalt eines amerikanischen Passes konkretisiert: Am Ende, als sie das Dokument endlich in Händen hält, wird sie prompt wahnsinnig und sticht nicht sich selbst, sondern die Freundin ab.

So weit, so blutig – aber leider doch zu banal, um zu erschüttern. Der Schock weicht bei dieser „Butterfly“ schnell der Erschöpfung: Zu wenig rückt Bieito diesmal seinen Figuren auf den Leib, zu vorhersehbar ist die Rollenverteilung, zu läppisch und prätentiös wirkt die Sexgymnastik, die die mit dieser Aufgabe sichtlich unglückliche Juliette Lee als Fräulein Schmetterling absolvieren muss. In seiner „Entführung“ hatte es noch die Hoffnung gegeben, dass all das Elend vielleicht doch einmal ein Ende haben würde. Und eben Männer wie Osmin, Belmonte und Pedrillo, die nicht nur brutale, sondern auch zärtliche, witzige Seiten zeigten, sich sogar mutig – und Respekt gebietend – entblößten.

Das ist auch deswegen schade, weil Puccinis Musik die Männer eben doch nicht so einseitig zeigt, wie es Bieito möchte: Das wunderbare Duett des ersten Aktes zeigt eigentlich, wie in dem Nichtsnutz Pinkerton denn doch der Beschützerinstinkt erwacht – das emphatische Aufglühen der Liebe ist nichts anderes als tongewordene Glückseligkeit, die erst die Fallhöhe für Butterflys Schicksal schafft. Dass an Stelle der Sehnsucht nach Liebe die Gier nach einem Pass tritt, entwertet auch Butterfly selbst und ihre heroische Unbeirrbarkeit: Selbst eine Nummer wie ihr „Un bel di verdremo“, bei der sich noch in x-beliebigen Provinzaufführungen jedes Herz zusammenkrampft, verpufft hier in szenischen Mätzchen.

Bieito zieht der Musik den Boden unter den Füßen weg – und weder Daniel Klajner, der im Graben für effizientes, aber hemdsärmeliges Spiel sorgt, noch die Butterfly selbst können da gegenhalten. Die Argentinierin Juliette Lee singt bodenständig und agiert verständlicherweise befangen – über weite Strecken wirkt ihre Butterfly einfach ein bisschen doof.

Die muffige deutsche Textfassung von Joachim Herz tut das Ihrige dazu – wenn man sie denn überhaupt versteht. Und trotz überzeugender Einzelleistungen wie dem immens einsatzbereiten und stimmlich auftrumpfenden tenoralen Wonneproppen Pinkerton des Amerikaners Marc Heller, riecht das alles ein bisschen nach Provokation von vorgestern. Oder nach Lycra.

Wieder am 30.9., 5., 15., 22. u. 26.10.

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