Kultur : Im neuen Berlin kaum Rückgriffe auf die Kultur des ausgehenden 18. Jahrhundert

Frank Peter Jäger

Es wird weit mehr darstellen als die Summe der alten Berliner Stadthälften, wird weltläufiger und wohl auch exklusiver sein: das Gesellschaftsleben der wiederhergestellten Hauptstadt. So vage sich seine Konturen bisher erst zeigen, steht doch außer Zweifel, dass das neue Berlin auch veränderte Spielarten der Geselligkeit mit sich bringt. Eine alte, sich offenbar neu belebende Form der Geselligkeit ist der Salon - also eine in privater Regie ausgerichtete Zusammenkunft ausgewählter Gäste, die einen Rahmen bietet zum Anknüpfen neuer Kontakte und für den Austausch jenseits des Small-Talks.

Der private Salon erlebte in Berlin seine Blüte am Ende des 18. Jahrhundert. Damen vor allem des jüdischen Bürgertums wie Henriette Herz, Rahel Varnhagen, Fanny Lewald öffneten ihre Bel Etage für eine breitgefächerte Mischung des damaligen Bürgertums. Die Berliner Autorin Cornelia Saxe glaubt an eine Renaissance des Berliner Salons. In ihrem Buch "Das gesellige Canapé" trug sie Eindrücke von 25 zeitgenössischen Salon-Geselligkeiten zusammen.

Eine große Zahl sind der Literatur gewidmet: Junge Schriftsteller haben hier in überschaubarem Rahmen Gelegenheit, aus ihren Werken zu lesen und sie zur Diskussion zu stellen. Bei anderen Salons steht der philosophische oder politische Austausch im Mittelpunkt. Nicht überall geht es derart kopflastig zu: In den "Pasta-Opera"-Abenden im "Oxymoron" können sich die Gäste an italienischer Küche laben, während Nachwuchssänger Opern-Soli vortragen, im Tango-Salon in der Volksbühne kommt man sich auf dem Parkett näher.

Das Angebot an ausgefallenen Veranstaltungen ist groß, dennoch ist das Ergebnis der Recherche ernüchternd: Treffpunkte, die mit der Idee des klassischen Salons korrespondieren, sind rar. "Der Reiz der Geselligkeit lag gerade in der Spontaneität und in der Zufälligkeit ihrer Zusammensetzung", schrieb die Historikerin Petra Wilhelmy über den historischen Salon. Von diesem Mut zu gesellschaftlicher Heterogenität ist in den neuen Berliner Salons wenig zu spüren. Stattdessen will man unter sich bleiben. Die Salons haben eher die Funktion der Selbstvergewisserung: Der Unternehmer Uwe Fenner achtet peinlich darauf, dass nur "die erste Ebene" aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik auf seiner Gästeliste steht, die junge Salonière Mirjam Schmidt sieht bei ihrem akademischen Jour Fixe vorzugsweise Leute, die wie sie Germanistik und Philosophie studiert haben. Die Treffs feministisch engagierter oder lesbischer Frauen verkörpern vollends das Gegenteil der Salon-Idee.

Die Autorin spürte sensibel die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf und hält mit ihrer Skepsis nicht hinter dem Berg. Allerdings scheute sie die Konsequenz, solche fragwürdigen Angebote auszuklammern. Der empfindlichere Schwachpunkt des Buches aber erwächst aus der offenbar stark schwankenden Tagesform der Autorin. Im kleineren Teil der Reportagen gelingt es ihr, ein kurzweiliges, atmosphärisch dichtes Bild der Abende zu zeichnen. Meist aber wirkt das recherchierte Rohmaterial nur oberflächlich montiert. Den Texten fehlt es an dramaturgischer Pointierung, stattdessen listet die Autorin in übertriebener Akribie Einzelheiten zum Ambiente der Salons und der Kleidung ihrer Gäste auf.

Eines macht ihre Bestandsaufnahme der Salon-Kultur aber deutlich: In der hochindividualisierten Gesellschaft der Gegenwart sind nur wenige zum Dialog über die Grenzen von Status, Weltanschauung und Lebensentwurf hinweg bereit. Aber ohne solche "soziale Neugierde" bleibt die Renaissance des Salons ein Wunschbild.Cornelia Saxe: Das gesellige Canapé. Die Renaissance der Berliner Salons. Quadriga-Verlag, Berlin 1999. 240 Seiten, 29,90 Mark

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