Kultur : Im Schlick des Unterbewusstseins

„Feuchte Bilder“: die Amerikanerin Ena Swansea in der Berliner Galerie Crone

Ulrich Clewing

Der Sog ist unwiderstehlich. Diese Bilder ziehen die Blicke auf sich wie kosmische schwarze Löcher die Materie, und dann ist für einen kurzen Moment alles Licht verschwunden: Das matte Dunkelgrau der Leinwand schluckt jede Helligkeit, die sich in die Nähe wagt.

Durch ihre spezielle Malweise – vor allem die Verwendung eines besonderen Graphitgemischs für den Hintergrund – hat die Malerin Ena Swansea in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit erregt. Seit sie in Charles Saatchis Präsentation „The Triumph of Painting“ vertreten ist, zählt sie endgültig zu den ganz heißen Tipps der internationalen Kunstszene. Wenn nun die Galerie Crone unter dem Titel „wet paintings“ die „erste europäische Einzelausstellung“ der Künstlerin ankündigt, dann ist das doppeldeutig zu verstehen. Einerseits schimmern ihre Gemälde tatsächlich so, als hätte die Malerin sie mit einem feuchten Film überzogen. Andererseits ist Swansea derzeit so gefragt, dass die Bilder auf dem Weg vom Atelier in die jeweiligen Galerien kaum Gelegenheit haben zu trocknen.

Mit ihren düsteren, nur durch sehr spärliche Farbspritzer und Weißhöhungen aufgehellten Gemälden trifft die in New York lebende Künstlerin den Nerv der Zeit. Als ein Mann wie Neo Rauch noch nicht über jeden Zweifel erhaben war und seine Werke noch erklären musste, beschrieb er sie einmal als Ergebnisse von Nachforschungen in den „Schlickschichten des eigenen Unterbewusstseins“. Auf den ersten Blick sehen Ena Swanseas Bilder völlig anders aus als die von Rauch, und doch sind sie sich in diesem Punkt sehr ähnlich. Auch Swansea praktiziert eine ausführliche Introspektion, wobei sie ihre Gemälde in einer labilen Schwebe hält. Ob es Traumsequenzen sind oder Spuren der Realität, ist gar nicht leicht zu entscheiden. Als Vorlagen für ihre großen Werke können Fotos dienen, die sie entweder in Illustrierten findet oder selber macht, doch ebenso gut ist es möglich, dass ihre Visionen aus dem Gedächtnis stammen.

Aus dieser potenzierten Innerlichkeit schöpft Swansea Motive, die seltsam berühren. Eigentlich sind sie unspektakulär, beinahe banal: ein Gesicht en face, eine Straßenszene, ein Kind am Strand. Dennoch sind diese Gemälde darauf angelegt, den Betrachter zu überwältigen, sei es durch ihre fast farbenblinde Dunkelheit, sei es durch die Monumentalität der Formate. Da ist der „big wet head“: Das Bild ist annähernd drei Meter hoch. „Fifth avenue“, ein Diptychon, das ein junges Mädchen am Central Park zeigt, dort, wo die Apartments teuer sind und Frauen in knapp geschnittenen Röcken nicht unbedingt zum Personal gehören, misst in seiner Breite gar mehr als fünf Meter (Preise nur auf Anfrage). Es sind nicht zuletzt diese Dimensionen, die hier eine versteckte Bedeutung suggerieren – ein Rätsel, dessen Lösung in so unerreichbarer Ferne liegt, das man nur einen Abglanz davon erahnen kann. Wäre es kein Widerspruch, könnte man meinen, bei Swansea sei Subtilität in erster Linie eine Frage der Größe.

Galerie Crone, Kochstraße 60, bis 20. Juni; Dienstag bis Freitag 10–13 und 14–18 Uhr, Sonnabend 11–18 Uhr

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