Kultur : Im Spiegelglas

Als Holland zur Wahl geht, reden im Berliner Bundespresseamt Experten und Journalisten über "Integrationsmodelle für muslimische Bevölkerungsgruppen in Europa". Der Verteter des Hausherren auf dem Podium wappnet sich mit verspiegelten Sonnengläsern gegen das Maienlicht aus der Glaskuppel. Unmittelbar nach dem 11. September wäre das Thema ein Hit gewesen.

Derzeit interessiert man sich für die Gewalt in der Schule ein bisschen mehr als für Kopftücher. Die Holländer, berichtet ein holländischer Journalist, seien in puncto Kopftuch eigentlich toleranter als ihre türkischen und marokkanischen Mitbürger; andererseits müsse man verstehen, dass heutzutage unterschiedlichste Gedanken so inkonsequent durch die postmodernen Köpfe holländischer Menschen geistern wie die Widersprüche durchs Programm des rechtspopulistischen Märtyrers Pim Fortyun. Deutschlands Ausländerbeauftragte sagt, der Streit um Erziehungsrechte fundamentalistischer Eltern werde wohl so enden, dass die Teilnahme an Klassenfahrten und Sport künftig freiwillig sei, "aber glücklich bin ich nicht damit". Der Vorstand der Böll-Stiftung sagt, in einem Einwanderungsland schufte die erste Generation bis zum Umfallen, die zweite qualifiziere sich, die dritte habe "es" geschafft; doch hier zu Lande besuchten 60 Prozent der Ausländerkinder nur die Hauptschule, die Hälfte ohne Abschluss - eine wachsende Unterklasse. Das Verdrängen dieser Fakten nennt er "Lebenslüge".

Während Holland zur Wahl geht, sagt die Chefin vom Dienst beim Berliner Radio Multikulti, sie sei keine Islam-Expertin. Der BBC-Redakteur sagt, er sei kein Islam-Experte. Der Vertreter des Hausherren setzt die Spiegelgläser ab. Der Koordinator des EU-Projektes "Muslim Voices" sagt, der Islam sei die zweitgrößte Religion in Europa.. Der Jesuit sagt, es werde Jahrhunderte dauern, bis die abrahamitischen Religionen gemeinsam Gerechtigkeit schaffen könnten. Der Rabbiner erinnert sich an eine Sternstunde, als einmal, 1995, Juden, Muslime und Christen bei den Berliner Jüdischen Kulturtagen offen über ihre Jerusalem-Ansprüche diskutierten. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime sagt, derzeit begegne er dem Zentralrat der Juden nicht mal mehr bei Empfängen; "mit Zeichen können wir die Probleme nicht lösen". Der holländische Journalist sagt, seit dem 11. September focussiere sich in Holland alles auf das Thema Integration. Nirgendwo in Europa seien die Reaktionen so heftig gewesen, Moscheen hätten gebrannt. Die heile Welt sei zerstört. Holländische Toleranz sei im 17. Jahrhundert entstanden, weil der Calvinist den Katholiken zur Abwehr der Sturmfluten brauchte. "Aber jetzt sind wir im 21. Jahrhundert."

Während Holland zur Wahl geht, sagt der holländische Journalist, dass Hollands Regierung jene Ausländer, die Ehefrauen aus ihrem Kulturkreis importieren, 3000 Euro zahlen lässt; 6000 kostet ein Einbürgerungskurs. Eine türkische Schauspielerin beschwert sich, dass sie als solche vorgestellt wird, sie wolle nicht Integration, sondern Respekt; sie verteilt Papierservierten, durch deren Löcher Fingerkuppen zu stecken sind, jeder Finger eine Religion; hinter dem Papier bilden alle eine Hand - wer, bitte, soll denn wohin integriert werden? Ein Kölner Radiomann fragt nach Tabus in der Islam-Berichterstattung. Tabu Nr. 1 ist das mit Schuldzuweisungen aufgeladene Opfer-Syndrom der Muslime, vorgeführt durch die (türkische) Schauspielerin samt anwesenden muslimischen Journalisten; Tabu Nr. 2 ist das durch offiziöses Info-Gehabe kaum zu kaschierende, ungebrochene Desinteresse der Mehrheitsgesellschaft am Islam. Doch diese Tabus sind zu tabu, als dass sie ausgesprochen werden dürften. Der Vertreter des Hausherren setzt die Spiegelgläser wieder auf. Bald schließen die Wahllokale.

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