Kultur : Im Wendetaumel

In der DDR unterdrückt oder nur übersehen? Zum Start der „Verschwiegenen Bibliothek“

hannes Schwenger

Ob ein Tagebuch aus den letzten Tagen der DDR als ein Stück „unterdrückter Literatur“ gelten kann? Wer hätte das vom 3.10.1989 bis 2.10.1990 geführte Buch dort noch drucken oder verbieten können? Dennoch erscheint „Blende 89“ von Radjo Monk als erstes Buch einer „Verschwiegenen Bibliothek“. Sie zehrt von den Beständen des „Archivs unterdrückter Literatur in der DDR“, das die beiden Herausgeber Ines Geipel und Joachim Walther bei der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur betreuen.

Deren Unterstützung hat es der Büchergilde Gutenberg und ihrer Edition Büchergilde erlaubt, das auf 20 Bände angelegte Vorhaben auf den Weg zu bringen. Als zweiter Band erscheinen gleichzeitig die Gefängnisgedichte „Jahr ohne Frühling“ der 1955 verstorbenen, damals 24-jährigen Edeltraud Eckert, von denen einige bereits 1962 in einer Tübinger Anthologie gedruckt wurden. Als Entdeckung sind sie damals nicht gelesen worden, und sie sind es wohl auch heute nicht. Ihre Nähe zu Rilke und anderen Lieblingslektüren der Zeit hat auch die Herausgeberin Ines Geipel nicht überhört und vermutlich deshalb mit hoch gegriffenen Vergleichen veredelt: Wie Ingeborg Bachmanns und Hertha Kräftners frühe Lyrik seien auch „die Gedichte von Edeltraud Eckert epigonal, elegisch und mit immensem Symbolwert ausgestattet.“ Als Zeugnis gegen die politische Willkür, die das Leben einer hochbegabten jungen Frau zerstört hat, ohne ihre Persönlichkeit brechen zu können, ist das Buch durchaus gültig. Aber als Beleg für einen schlummernden Schatz unterdrückter DDR-Literatur taugt es wenig. Gibt es ihn überhaupt?

Lange blieb in den vierzig Jahren der DDR nichts verschwiegen, was die SED unterdrücken wollte. Die – bis zum Beweis des Gegenteils – gewichtigsten unterdrückten Texte der DDR-Literatur erschienen schon vor 1989 im Westen, von Stefan Heyms „Collin“, Gert Neumanns „Elf Uhr“ und Rolf Schneiders „November“ bis zu Reiner Kunzes „Die wunderbaren Jahre“ und Adolf Endlers „Schichtenflotz“. Mit dem Erfolg, dass selbst Elmar Fabers nach der Wende gestartete „DDR-Bibliothek“ nicht umhin konnte, einige der im Westen erschienenen Werke nachträglich in den Kanon der DDR-Literatur aufzunehmen.

Andere Autoren und Werke, die Jürgen Serke in seinem Buch „Zuhause im Exil“ als Beispiel für eine „eigenmächtige“ innere Emigration der DDR aufführt, fanden immerhin ihren Platz in Verlagen und auf Bühnen der DDR, wenn auch nicht im offiziellen Kanon. So konnten viele, von der Zensur gefährdete Autoren schließlich doch in der DDR zu Wort kommen, sei es in handverlesenen offiziellen Ausgaben wie Wolfgang Hilbigs Gedichte oder in mehr oder minder subversiven Anthologien. Das gilt auch für Radjo Monks unter seinem früheren Namen Christian Heckel erschienene Texte in den Jahrbüchern „Auswahl 1984“ und „Offene Fenster“ (Folge 6,7 und 8). Auch in einem Sonderheft des beliebten „Poesiealbums“ ist er vertreten. Von den Herausgebern erfahren wir nur, dass ihm das Studium am Leipziger Literaturinstitut versagt blieb.

Es macht diese Sammlung nicht wertlos und auch „Blende 89“ nicht schlechter, dass es vom Verlag genauso vollmundig wie das ganze Unternehmen als „einzigartige Chronik der Wende“ propagiert wird – als gäbe es nicht Thomas Rosenlöchers und Lutz Rathenows Tagebücher der Wende, Brigitte Struzyks Notizen „In vollen Zügen“ oder den Sammelband der Bürgerbewegung „Die letzten Tage der DDR“. Wer mit so hohem Anspruch auftritt, muss sich aber Vergleiche gefallen lassen. Radjo Monks Leipziger Tagebuch hält sie aus, ohne wesentlich Neues hinzuzufügen. Es schildert die Befindlichkeit eines Autors, der sich im Wendetaumel als kritisches Individuum zu behaupten sucht. Lange genug hat er um diesen Standpunkt gekämpft, gegen „das bis zum Erbrechen gepredigte Wir, das immer die Individualität ausschloss“. Und am 13. März 1990 notierte er: „Hatten wir uns bislang gegen die Dummheit der Funktionäre zu wehren, müssen wir uns jetzt umstellen gegen die Frechheit der Geschäftemacher.“

Beides möchte die „Verschwiegene Bibliothek“ korrigieren. Mit welchem Erfolg, müssen die nächsten 18 Bände erweisen. Erst dann wird man wissen, was sie der Literaturgeschichte der DDR noch hinzufügen können. „Große Texte“, unterdrückte Hauptwerke der Literatur, seien nicht mehr zu erwarten, dämpft Joachim Walther die Erwartungen. Dennoch versichern beide Herausgeber, sie wollten „mit neuem Material überzeugen“ (Geipel), „nicht durch Ideologie“ (Walther).

Zu welcher Kategorie gehört ihr Verleger? Mario Früh von der Büchergilde ist vom Erfolg seiner Edition überzeugt. Ihn erinnert Radjo Monks „Blende 89“ an Victor Klemperers „LTI“, das „auch viel zu wenige kennen“. Meint er westdeutsche Leser? In der DDR – wo es zuerst erschien – wurde es von Hand zu Hand weitergereicht.

Edeltraut Eckert: Jahr ohne Frühling. Gedichte und Briefe. 150 S., 16,90 €. Radjo Monk: Blende 89. 288 S., 19,90 €. Beide erschienen in der Edition Büchergilde, Frankfurt/M. 2005.

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