Kultur : Im Western nichts Neues

Rothäute und Rotfront: Frank Castorf rettet an der Berliner Volksbühne den „Marterpfahl“

Peter Laudenbach

Hier in der Volksbühne verwursten sie alles: Auschwitz und Wilder Westen, Abu Ghraib und Heiner Müller, Country und Brahms. Wobei das mit dem Verwursten von Brahms durchaus wörtlich zu verstehen ist. Zu Beginn einer der seltsamsten Volksbühnen-Inszenierungen seit langem liegt ein dicker, nackter Mann auf dem Boden und singt sehr innig ein Lied von Johannes Brahms. Romantik stellt sich trotzdem nicht so richtig ein, was vor allem an den beiden Hunden liegt, die den armen Sänger schwanzwedelnd ablecken und sich die Wurstscheiben schnappen, die überall auf seinem nackten Körper liegen. Ein lustig-grausliches Bild, dass die Vermutung nahe legt, dass Hochkultur, Zivilisation und abendländisches Liedgut an diesem Abend gegenüber animalischen Bedürfnissen keine Chance haben.

Ausgangsmaterial der Inszenierung ist der pure Trash: „Der Marterpfahl“, eine schwülstige Erzählung aus dem Wilden Westen, in der es um „den wilden Deutschen Ludwig Wetzel“ geht. Heiner Müller hat diese Schmonzette eines gewissen Friedrich von Gagern in seiner Jugend geliebt und konnte noch im Alter ganze Passagen daraus auswendig zitieren. Frank Castorf, mehr oder weniger der Regisseur des Abends, montiert von Gagerns Western-Sülze mit Zitaten aus Interviews mit Heiner Müller – zynisch-coole Orakelsätze aus dem Grab. Dazu gibt es schöne Musikeinlagen, in denen zärtlichster Brahms-Gesang auf gutgelaunt geschrammelte Country-Songs trifft: ganz altes Europa gegen die Weite der amerikanischen Prärie, endlose Verfeinerung gegen die kraftvollen Freuden des Primitiven.

Nicht nur das Text- und Musik-Material ist reichlich disparat. Auch in ihrer Entstehung ist die Inszenierung eingesampelt und schnell ineinander montiert. Weil der ursprüngliche Regisseur Christoph Marthaler nach einigen Probentagen krank wurde, ist Castorf für eine Woche eingesprungen, dann hat die Choreografin Meg Stuart zwei Wochen mit den Schauspielern gearbeitet, während Castorf auf Gastspielreise in Chile war. Eine Woche vor der Premiere kam er zurück und hat noch ein bisschen geprobt. Diese Lässigkeit ist es, die den Charme des Abends auch in den etwa zähen, beliebig wirkenden Szenen ausmacht. Eher eine locker animprovisierte Session als ein durchkomponiertes Werk.

Das hat in Anna Viebrocks Bühnenhalle seine gespenstischen Momente – wenn lustige Marthaler-Pfahl-Szenen mit einem halbnackten Matthias Matschke umstandslos mit Bild-Motiven aus dem Irak-Krieg montiert werden. Mit unschuldigem Kinderlächeln zieht Sopie Rois dem dicken Hardcore-Komiker Josef Ostendorf das Unterhemd über den Kopf und stellt ihm gutgelaunt triumphierend den Stiefel auf die Schultern – eine Szene wie ein Echo auf die Bilder aus den Folter-Gefängnissen der US-Army im Irak. Die unheimliche Verbindung zum lustigen Western-Trash liegt im Moment der Regression, dem Rückfall aus der Zivilisation in einen Zustand, in dem Folter als lustig kickendes Abenteuerspiel wahrgenommen wird, als Fun, der laut Adorno jederzeit ein „Stahlbad“ ist. Gerade weil Castorf diese beängstigende Dimension der regressiven Cowboy- und Indianerfantasien nur kurz und nebenbei anreißt, gewinnen sie Irritationsqualitäten. Mit schwer erträglichen Sätzen von Heiner Müller wird dieses Umkippen von Zivilisation in Barbarei zugespitzt, etwa wenn Müllers Behauptung zitiert wird, Computerspiele seien „ein Training für Auschwitz. Auschwitz ist inzwischen so verinnerlicht, dass das schon gar nicht mehr auffällt.“ Mit cooler Durchblicker-Pose wird so nebenbei der deutsche Völkermord an den europäischen Juden enthistorisiert und mit amerikanischen Kriegsverbrechen in eins gesetzt. Indem Müller locker dekretiert, Auschwitz sei „das Modell dieses Jahrhunderts“, stellt er den Deutschen ein bequemes Attest aus – wer kann schon etwas dafür, dass er im zwanzigsten Jahrhundert lebt. Castorf verwendet diese zynischen Bonmots ungebrochen als Theorie-Knallbonbons.

Es ist eben ein sehr deutscher Abend. Denn auch die Cowboys und Cowgirls auf der Bühne (hinreißend: Sophie Rois als gefährliche Westernbraut Betty Havelland, Susanne Düllmann als eisige Lady, Bettina Stucky als Wuchtbrumme, Winfried Wagner als cooler Westerner, Matthias Matschke als skalpierter Trucker) kommen unverkennbar aus der tiefsten deutschen Provinz. Die Stiefel mit Fell besetzt, der Fuchsschwanz am Gürtel der Jeans, das Pelzjäckchen über dem üppig wogenden Busen, dazu seltsame Dialekte aus seltsamen deutschen Gegenden (Worms!) – diese Helden der Prärie träumen mitten in Deutschland von großen Abenteuern. Kein Wunder, dass sich ihre Indianer-Überfälle in düsteren Zimmern unter Neonröhren abspielen und rechts im Bühnenbild die gute alte Mauer für Geschichtsbewusstsein sorgt.

Wieder am 8., 11. und 27. Februar

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