Kultur : Immer Ärger mit Jesus

Paul Kreiner

Am Anfang war der Kardinal. Er hat das Buch so wortgewaltig hinter die Pforten der Hölle verdammt, dass es zu einem glänzenden Erdenleben erstanden ist. Bevor Christoph Schönborn zuschlug, hatte Österreich das neue, schmale Karikaturenbändchen von Gerhard Haderer allenfalls für die zehntausendachthundertsiebenundzwanzigste Parodie auf den Herrn Jesus gehalten - jetzt aber ist, von Wien ausgehend, nachgerade ein Kulturkampf entbrannt. "Verhöhnung des Christentums", "Blasphemie", dröhnen die Rechtgläubigen, und gerade in ihrem Kreis, dessen liebster Feind sonst der Muselmane ist, wünscht man sich eine Fatwa: Die Todesdrohung der iranischen Ayatollahs gegen Salman Rushdie, nein, "die können und wollen wir nicht nachahmen", schreibt ein namhafter Professor treuherzig in der reaktionären Zeitung "Die Presse": "Beherzigenswert ist dennoch der Ernst, den man in diesem Kulturkreis heiligen Namen und Gegenständen entgegenbringt."

Der Linzer Karikaturist Gerhard Haderer, der Satirisches auch für deutsche Magazine zeichnet, hat sich also "Leben des Jesus" versucht. Schon der Titel ist eine Anspielung auf eine andere Jesus-Persiflage, auf das "Leben des Brian", und so mancher Gag dürfte ein vergleichbares Alter haben. Haderers Hauptidee ist, dass sich Jesus schon in der Krippe am Weihrauch berauscht hat, und dass sein ganzes wundertätiges Leben eine weihrauchbekiffte Hippie-Seligkeit ist. Die "Beschaffungskriminalität" dabei fällt den Jüngern zu, den im Laufe von Jesu Erdenwandel immer feisteren, geldgierigen Gestalten, die ihren Meister gerissen versilbern. Das Ganze endet natürlich nicht am Kreuz, sondern auf einer himmlischen Weihrauchwolke. Und wer zu diesem Zeitpunkt noch nix kapiert hat, den klärt Haderer ganz hinten auf: "Übrigens: Weihrauch enthält - wie Haschisch - den Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC)."

Geschenkt. Natürlich hat sich der Wiener Verlag Ueberreuter einen Heidenspaß draus gemacht, Haderers Werk "rechtzeitig zu Ostern" auf den Markt zu werfen. Und Kardinal Schönborn hat entgegen seiner sonstigen Gewohnheit nicht auf ein die Richtung weisendes Wort des Papstes gewartet, um selber eine Meinung zu haben, sondern er hat in der "Presse" protestiert. Schönborn hat getan, als sei in Österreich, in dem 80 Prozent des Volks der katholischen Kirche angehören, eine veritable Christenverfolgung im Gang. "Bevorzugt im Namen der Freiheit der Kunst", wettert der Kardinal, werde der Glaube, auf den viele ihr Leben bauten, "permanent verhöhnt".

Die Folge: Eine selbstverständlich ironische Replik Haderers ("Bleibt cool, Leute!"), und daraufhin wahre Leserbriefschlachten, vor allem in der berüchtigten "Kronen-Zeitung" und in der "Presse". Aus den durchaus hassgetränkten Zuschriften spricht nicht unbedingt die Kenntnis von Haderers Buch, vielmehr der Wunsch, Schönborns "mutige" Weltsicht durch deftigen Applaus zu teilen. Haderers Parteigänger sind da schon ruhiger - wenn sie überhaupt zu Wort kommen, was die einschlägig bewährte Leserbrief-Regie zumindest der "Kronen-Zeitung" zu verhindern weiß. Von der in Österreich so beliebten Prominenz hat sich niemand auf Haderers Seite geschlagen. Auf mehrere Anzeigen von "Privatpersonen" hin ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen "Herabwürdigung der Religion". Schon bald soll Haderer verhört werden.

Es ist auch aufgefallen, dass sich Schönborns Bischofskollegen dem Protest kaum angeschlossen haben. Ihr intellektueller Rechtsausleger, der Salzburger Weihbischof Andreas Laun, beklagte zwar auch die allgemeine Christenverfolgung, an der sich auch die Justiz beteilige: "Zur Zeit findet eine iedologisch begründete Vernachlässigung des Blasphemie-Paragraphen statt." Zu Haderer meinte er, auch die Nazis hätten einmal so angefangen; danach sei Auschwitz gekommen. Im übrigen aber: "Wer, bitte, sind schon solche Karikaturisten? Die Kirche zieht an ihnen vorbei wie die Karawane am bellenden Hund." Und selbst das Lieblingsopfer des noch weit bissigeren Zeichners Manfred Deix, der ultrakonservative Bischof Kurt Krenn, zuckt eher mit den Schultern. Er weiß aus Erfahrung, dass jeder Protest die Sache noch populärer macht.

Die zitierte Anspielung auf den Islam und die Ayatollahs ist noch auf eine andere Weise pikant: In Österreich weiß man ja, dass Kardinal Schönborn gute Beziehungen zu Irans Staatspräsident Khatami pflegt. Die beiden haben sich erst vor wenigen Wochen bei Khatamis Staatsbesuch in Österreich wieder getroffen. Dafür kann man Schönborn, gerade in einer Zeit, da der Islam zum Feindbild des Westens mutiert, als mutig und "weltoffen" loben. Man kann auch fragen, ob nicht zwischen dem so genannten Reformer drüben und dem Rückwärtsdränger hüben neuartige Allianzen entstehen. Das klingt abwegiger, als es ist; dass Schönborn, der Chancen auf das Papstamt hat, die Grundlagen der Aufklärung und damit die Grundlagen der Moderne anzweifelt, macht er in Referaten immer wieder deutlich. Die Zeiten, so zeigt sich, werden wieder härter.

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