Kultur : Immer schön oben bleiben

Geschichten von der Unnachgiebigkeit: das 23. Filmfestival Istanbul

Daniela Sannwald

Festivalbanner flattern über der Flaniermeile im europäischen Teil Istanbuls, Tausende von Menschen schieben sich die Boulevards entlang. Die fünf Festivalkinos liegen hier dicht beieinander, die Abendvorstellungen in den riesigen Palästen sind ausverkauft. eEine sechste, neue Spielstätte liegt jenseits des Bosporus im asiatischen Teil der Stadt. 95000 Tickets wurden in zwei Wochen verkauft: Für die 203 Festivalfilme aus 62 Ländern interessieren sich zumeist die Jüngeren der 15 Millionen Bewohner Istanbuls.

Die besten Filme aus der einheimischen Jahresproduktion erleben hier ihre Uraufführung; diesmal waren es zwölf. Wie überall gehen Kritiker und Festivalbesucher mit den eigenen Regisseuren nicht gerade zimperlich um. Besonders der neue Film der international gefeierten Regisseurin Yesim Ustaoglu, die auf der Berlinale 1999 „Reise zur Sonne“ präsentierte, enttäuschte viele. An der Produktion von „Bulutlari Beklerken/Warten auf die Wolken“ waren fünf Länder beteiligt: Griechenland, Deutschland, Frankreich, daneben die USA und Japan. Man sieht diesem Film die Mühe der Regisseurin an, es allen recht machen zu wollen. Ihr Film spielt in den Siebzigerjahren, handelt vage von einer 1916 aus der Heimat vertriebenen Griechin, vaterlosen Kindern, der Kommunistenverfolgung und dem kargen, schweren Leben in einem Bergdorf in der Nordtürkei.

Die Jury verlieh Ustaoglu den Spezialpreis; offenbar wollte man den Star nicht leer ausgehen lassen. Die satten Farben und archaischen Traditionen in der regenreichen Schwarzmeer-Region hatten es der Regisseurin so sehr angetan, dass sie gleich noch einen Dokumentarfilm drehte, dessen Bilder denen des Spielfilms zum Verwechseln ähneln: Auch in „Sirtlarindaki Hayat/Das Leben auf ihren Schultern“ schleppen bunt gekleidete Frauen jeden Alters in Lastkörben ganze Kücheneinrichtungen die Berge hinauf. Dass Ustaoglus Filme sich strikt auf Frauengeschichten konzentrieren, unterscheidet sie allerdings von denen ihrer Kollegen.

Männer mit Schnurrbärten und Pelzmützen, die an langen Winterabenden Raki trinken und sich die Zeit mit Geschichten vertreiben: Das sind die Protagonisten von Reis Çeliks Film „Inat Hikayeleri / Geschichten von der Unnachgiebigkeit“. Der Filmemacher fuhr, nur von seinem Hauptdarsteller begleitet, in die Berge und ließ sich von Schneestürmen, Volkssagen und den wettergegerbten Gesichtern der Bergbauern inspirieren. So entstand ein liebenswürdiger, mitunter etwas dilettantischer Folklorefilm, der jedoch weder herablassend noch ausbeuterisch ist: Unterwegs auf einem zugefrorenen See erzählen die Passagiere eines Pferdeschlittens und eines Minibusses einfache, deftige Moritaten – nicht zuletzt, damit ihnen warm wird. Starke Bilder: Ein Rasthaus ist aus Schneeblöcken errichtet, bei der Hochzeitsfeier wird auf dem Eis getanzt.

Mehrere Filme thematisieren die anlässlich des Zypernreferendums erneut diskutierten griechisch-türkischen Beziehungen. Rüstem Batus Dokumentation „Hangi Kibris? / Welches Zypern?“ erinnert an die lange Geschichte des Konflikts. Der Film zeichnet freilich ein anderes Bild, als man nach dem Referendum erwarten könnte: Die Politiker beider Seiten erweisen sich als Betonköpfe, während die Bevölkerung längst zusammengewachsen ist. Was daran liegen mag, dass der Regisseur, ein Friedensaktivist, eher die jungen, liberalen Zyprioten auch auf der griechischen Seite interviewte.

Wettbewerbssieger ist in diesem Jahr ein liebenswürdiger Coming-of-Age-Film, dessen jugendliche Helden während eines trägen Kleinstadtsommers lernen müssen, dass Boote aus Wassermelonenschalen untergehen: Die 15-Jährigen wollen Filmemacher werden und üben mit selbst gebautem Projektor und Filmschnipseln schon einmal als Vorführer. Eine autobiografische Provinzjugend-Geschichte aus den Sechzigern: „Karpuz Kapugundan Gemiler Yapmak / Aus Wassermelonenschalen Boote machen“ besticht nicht zuletzt durch zwei exzellente junge Hauptdarsteller. Auch der Gewinner des Publikumspreises, „Kleine Freiheit“ des Hamburger Kurden Yüksel Yavuz, handelt von einer Jungenfreundschaft – in Deutschland kommt der Film im Mai ins Kino.

Der lauteste, fröhlichste, trashigste türkische Beitrag hatte als Musical allerdings keine Preischancen. Dabei ist „Neredesin Firuze?/Wo bist du, Firuse?“ eine funkelnde Persiflage auf die Musikindustrie, bei der in Istanbul die Mafia mitmischt. Ein Spektakel, bei dem mit Plastikpistolen geschossen wird, die in den gleichen Pastellfarben gehalten sind wie die Anzüge der Gangster. Manchmal ist Kino dann am schönsten, wenn es das wirkliche Leben Lügen straft.

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