Kultur : Immer wieder sonntags: Ehe als Event

Renée Zucker

Beim Nachdenken darüber, warum der Talmud den Sabbath, die Sonne und den Beischlaf als Vorgeschmack der noch kommenden Welt betrachtet, während er die hiesigen Sinneserheiterungen in einer schönen Wohnung, einer schönen Frau und vor allem in schönen Geräten sieht - beim vergeblichen Rätseln also, kommt man zwangsläufig von Frühling und Werkzeug auf die Liebe und ebenso unweigerlich auf die Ehe. Denn schließlich: wozu eine schöne Wohnung, wenn man keine schöne Frau sein Eigen drin nennen darf, und was kann schließlich Trost bieten, wenn die Frau irgendwann nicht mehr ganz so schön ist? Natürlich Geräte, die, wenn man sie ordentlich pflegt, gemeinhin auch schön bleiben.

Die Ehe, sagt der große Mythenforscher Joseph Campbell, sei die Unterwerfung des Individuums unter etwas Höheres. Sie stelle symbolisch wieder her, was von jeher eins war in zwei Erscheinungsformen desselben Wesens. (Zum tieferen Verständnis dessen, wovon Campbell spricht, lohnt es sich durchaus, die Geschichte vom blinden Seher Teiresias nachzulesen; zu gleichem Behufe wird auch immer wieder gern Platons rollendes Kugelgleichnis genommen.) In der Liebschaft, sagt Campbell, hat man zwei Leben, die, solange es angenehm scheint, eine mehr oder weniger gelungene Beziehung zueinander unterhalten. In der Ehe dagegen liegt das Leben des Einzelnen in der Beziehung: "Wenn ich ein Opfer bringen muss, bringe ich es nicht dem anderen, ich bringe es der Beziehung, Groll gegen den anderen ist also fehl am Platze".

Die Ehe ist aber nicht nur ein religiöses Sakrament, sie ist auch und vor allem eine gesellige Angelegenheit. Und überall dort, wo Menschen zusammenkommen, kommt selbstverständlich Freude auf. Aber gerade dort lässt auch das Unglück nicht lange auf sich warten. In einem alten, italienischen Film fährt ein frisch getrautes Paar ans Meer. Der Mann ist voller Glück beim Anblick der Wellen. Er tanzt vor Freude. Die Frau kommt aus dem Haus, sieht die Freude des Mannes, wird entsetzlich traurig und sagt: "Schon sind wir zu dritt". Dieser Situation könnte man vielleicht noch dadurch entgehen, dass man ins Gebirge fährt, aber die Wahrheit, die hier so lapidar und schön zugleich gezeigt wird, bleibt unabänderlich: kein Genuss ohne Reue, keine Zweisamkeit ohne Kränkung. Wie auch die Kränkung desjenigen, der ein Thema hat, was den anderen nicht unbedingt so fasziniert. Dieser immer wieder aufgekratzte wunde Punkt angesichts der Leere in den Augen des anderen, wenn man mit dem Lieblingsthema anfängt.

Bei Männern ist es meistens die gebetsmühlenartige Aufzählung der Weltmängel und der doch auf der Hand liegenden Verbesserungsmöglichkeiten, während Frauen Atmosphäre durch nicht-ergebnisorientierte Erzählungen schaffen. Das macht die Frau sehr afrikanisch. Die Kunst in der Ehe muss jetzt einfach darin bestehen, aus der unumstößlichen Tatsache der Unvereinbarkeit ein beidseitig unterhaltsames Ereignis zu gestalten. Guru Henryk gibt zu, dass der Talmud dafür keinen Rat weiß. Er hält es diesmal seufzend mit Morgenstern: "So wie der Strom ins Meer, so muss der Amor in die Caritas".

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