Kultur : Immer wieder sonntags: Verzweiflung in der Chefetage

Renée Zucker

Im alten Jahr hat Elzie sich doch noch mal mit Friedrichstraße getroffen. "Man kann nicht nur zu seinen literarischen Peinlichkeiten stehen, man muss auch manch alten Weggefährten würdigen", erklärt sie mir ihren Sinneswandel. Ich frage nicht weiter nach, weil wir wirklich genug anderes zu tun haben. Zum Beispiel die Erwiderung der vielen Glückwünsche zum neuen Jahr. Aber das überlässt Elzie lieber mir, weil sie nicht gern mit der Hand schreibt. Außerdem will sie mir unbedingt Friedrichstraßens Neuigkeiten von der Konsumentenfront berichten: "Wusstest Du, dass es keine Emerald Ink von Parker mehr gibt?", fragt Elzie lauernd. Natürlich weiß sie ganz genau, dass ich es nicht weiß, weil ich ja gar nicht mit Parker-Füllern schreibe und deshalb den Tintennachschub dieser Firma nicht so im Blick habe. Sie hingegen schreibt bekanntermaßen nicht mit der Hand, und von daher könnte es ihr eigentlich egal sein. Elzie fragt mich nur, um sich mit einer Information dicke zu tun.

"Parker", fängt sie also an, "Parker und Waterman gehörten früher beide zu Gilette. Gilette, das ist diese Halsabschneiderfirma, die mal einen Nassrasierer namens Protector auf den Markt warf, von dem die Klingen immer teurer wurden, bis sie mittlerweile heute bei sieben Mark für fünf Klingen sind". Ich bin sprachlos über eine derartige Gemeinheit.

"Gilette", fährt Elzie fort, "hat also nicht nur manchen preisbewussten Mann dazu getrieben, sich mit dem billigeren Achsel- und Beinhaarentferner seiner Freundin zu rasieren, nein, sie haben jetzt auch diese wunderbaren alten Füllhalterfirmen Parker und Waterman an die Newell Rubbermaid Group verkauft. Kannst Du Dir das vorstellen? Eine Firma, die Töpfe, Pfannen und jede Menge Gummiwaren herstellt, hat nun das Sagen bei zwei ehrwürdigen Füllerfirmen." "Was macht man denn noch aus Gummi, außer jedwede Art von Stöpseln?", denke ich nach. "Na, das Gegenteil", sagt Elzie kurz, "diese roten Vakuumpumpschwengel, womit die verstöpselte Schose aus dem Rohr wieder nach oben gezogen wird. Aber der eigentliche Skandal ist: Es gibt keine grüne Cheftinte mehr. Parkers Emerald Ink ist nirgendwo mehr zu kriegen. Von Sir Conan Doyle bis Gorbatschow hat der Mann von Welt sie zum Unterschreiben benutzt, aber nun ist Feierabend damit. Und Friedrichstraße sagt, dass sich in München, Stuttgart, Hamburg und Köln, ebenso wie in New York, London und Paris, schon etliche Cheftintenunterschreiber zusammengetan und eine Kampagne zur Wiederauffindung der Emerald Ink gestartet haben."

Mit leuchtenden Augen berichtet Elzie weiter, dass das Internet von Emails bestürzter Chefs überquelle, die mit schwarz, blau oder rot unterschreiben müssen und vor lauter Verzweiflung schon gar keine besonnenen, geschweige denn renditebewussten Entscheidungen mehr treffen können. Ich unterbreche ihren Redeschwall: "Aber in Berlin, da liegt diese Tinte doch bestimmt auf jedem Dönertresen rum, oder?" "Von wegen", sagt Elzie, "in dieser Räterepublik hier weiß überhaupt keiner, was Cheftinte ist, und deshalb vermisst sie hier auch niemand!" Das ist doch eine schöne Aufgabe für das KaDeWe im neuen Jahr, beschließen wir.

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