Improvisation : Lufthauch trifft Steinschlag

Sie kommen aus der "Echtzeitmusikszene". Was das eigentlich ist, können sie auch nicht so genau sagen. Das Berliner Splitterorchester gibt sein erstes Konzert. Probenbesuch bei den Experimentalmusikern.

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Freiflug. Orchestermitglieder beim Improvisieren.
Freiflug. Orchestermitglieder beim Improvisieren.Foto: David Heerde

Clayton Thomas sagt mitten in der Probe einen Satz, der sehr schön zu dieser Geschichte passt. „I think“, die Verständigung läuft auf Englisch, „it is really confusing now.“ Ganz schön verwirrend, so, wie die Musiker momentan durcheinanderspielen, findet er und lehnt sich auf seinen Kontrabass. Um ihn herum 24 Orchestermitglieder, die gemeinsam experimentelle Musik machen.

Da sitzt eine Soundtüftlerin mit ausgestreckten Beinen und Laptop auf dem Boden und schiebt die Regler auf dem Bildschirm hin und her. Eine andere Frau hat eine überdimensionale Zither vor sich, eine traditionelle chinesische Guzheng, und klopft rhythmisch auf die Saiten. Eine Klarinettistin hält das Mundstück mehrere Zentimeter vom Mund weg und schickt nur einen Lufthauch in ihr Instrument. Ein Percussionist fährt mit Steinen um den Rand seiner Pauke, es klingt, als würde ein Zug ratternd anfahren. Vor einem anderen Musiker dreht sich ein Plattenteller, auf dem er mit Styroporkegeln kratzt, mit Muscheln, Tellern, Löffeln.

Das Splitterorchester gibt es seit März. Gerade probt es für seinen ersten großen Auftritt am heutigen Samstag im Radialsystem. „Können wir es mal mit Gegensätzen versuchen?“, schlägt Cellist Nicholas Bussmann vor. „Wenn die eine Seite etwas Düsteres spielt, kommt von der anderen etwas Heiteres.“ Nicken. Dann sagt einer: „Ehrlich gesagt, nach diesem Prinzip spiele ich immer.“

Improvisieren ist selbst für experimentelle Musiker nicht einfach. Vor allem nicht, wenn sich ein Orchester aus Künstlern wie diesen zusammensetzt: Normalerweise treten sie aus Kostengründen solo oder in Trios und Quartetten auf. Mit dem Splitterorchester ändert sich das nun. Es spielt nicht nur an einem prominenten Ort wie dem Radialsystem, sondern wird auch vom Hauptstadtkulturfonds gefördert. Die Einzelkämpfer sind plötzlich Teil eines Klangkörpers, der nichts Geringeres will, als „neue Musik, Elektronik, Experimentalmusik, Noise und Jazz zu einem einzigen Organismus verschmelzen“ zu lassen. So schreiben sie in ihrer Ankündigung. Und weiter, dass sich im Splitterorchester Musiker der „Echtzeitmusikszene“ zusammenfinden.

Und da beginnt die Verwirrung, Teil zwei. Denn was Echtzeitmusik ist, das können ihre Mitglieder auch nicht genau sagen. Dabei veranstalteten sie im September die „Echtzeitmusiktage“, ein kleines, feines dreiwöchiges Festival, bei dem sich die Szene selbst feierte. Sogar Ignaz Schick, der Mann am Plattenteller und Organisator des Festivals, hat Mühe, das Phänomen zu beschreiben. „Ich würde das weniger an einem bestimmten Stil festmachen“, sagt er. Denn der Ursprung des Namens trifft schon nicht mehr zu. Echtzeitmusik heißt eigentlich improvisierte Musik. Jedoch auch Künstler, die ganze Symphonien komponieren, gehören dazu. Wenn es etwas gibt, das alle verbindet, dann den Wunsch, Ungehörtes zu produzieren.

Und es gibt ein Netz aus Leuten und Orten, das sie zusammenhält. Im Kulturzentrum Wabe trifft man Echtzeitmusiker. Genauso wie im KuLe-Theater in Mitte, hier findet regelmäßig die Konzertreihe „Labor Sonor“ statt. Jazzklarinettist Kai Fagaschinski ist Mitglied des neuen Orchesters, bis vor wenigen Jahren hat er noch die Musikreihe „Raumschiff Zitrone“ geleitet. Gregor Hotz betreibt den Club und Konzertraum Ausland im Prenzlauer Berg. Er war es auch, der zusammen mit den beiden Australiern Clayton Thomas und Clare Cooper das Splitterorchester gegründet hat. „Wir haben so einen Reichtum an Musikern in Berlin“, findet er, „das mussten wir bündeln.“ Erstmalig. „Es gibt sonst nirgends so ein Orchester.“

Die Echtzeitmusikszene entstand vor 20 Jahren in Berlin. „Damals waren wir die Gegenbewegung zur etablierten Free-Jazz-Szene“, sagt Ignaz Schick. So etwas wie die Echtzeitmusik-Gemeinde gebe es in keiner anderen Stadt, glaubt er. Und die Anziehungskraft auf Künstler aus aller Welt sei ungebrochen. „Letztens“, erzählt Schick, „war ich in New York, da reden sie alle von Berlin, Berlin!“ Klarinettist Fagaschinski schätzt, dass das lose Bündnis heute hundert Leute zähle. Keiner weiß es so genau. Nach dem Mauerfall erwies sich die Stadt mit ihren günstigen Probenräumen als Nährboden für die Untergrundszene. Heute spielen im Splitterorchester Mexikaner, Engländer, Australier, Italiener, Israelis.

Aus den hinteren Reihen nahe dem Klavier ruft einer: „Basisdemokratie funktioniert doch nicht.“ Die Musiker zerfransen sich in wortreichen Erklärungen, statt zu spielen. Soll das ganze Konzert improvisiert werden oder soll es Strukturen geben, an denen sie sich entlanghangeln können? Jede der monatlichen Proben ist einmalig. Jedes Konzert auch. Ein Kräftemessen und Zusammenwachsen. Dabei entdecken die Musiker ihre Instrumente selber immer wieder neu. Clare Cooper, eigentlich Harfenistin, hat ihre chinesische Zither vor sieben Jahren von einem Jazzmusiker geschenkt bekommen. „Sie überrascht mich immer noch“, sagt sie. „Können wir vielleicht mal Stille spielen?“, schlägt Fagaschinski vor. „Und wie lange?“, fragen sie zurück. „Acht Minuten und 13 Sekunden.“

Soll keiner sagen, dass die Musiker zu ihrer Arbeit keine ironische Distanz haben. Die geht manchmal sogar noch weiter: „Bestimmt wollen einige im Splitterorchester nicht so gerne in die Schublade Echtzeitmusik gesteckt werden“, sagt Leiter Hotz am Ende der Probe. Welche Schublade? Verwirrung, die dritte.

Radialsystem V, Holzmarktstr. 33, heute, Sonnabend, 21 Uhr

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