Kultur : In den Eingeweiden der Stadt

Die New Yorker Fotografin Esther Levine zeigt die liebenswürdige Tristesse von Berlin

Kai Müller

„Berlin ist wie ein WC“, hat jemand auf die Wand gekritzelt. Esther Levine findet das nicht. Aber besonders freundliche Worte hat die junge New Yorker Fotografin für die Stadt auch nicht übrig, die sie seit 1999 immer wieder besucht hat und in der sie mit ihrer Kamera auf die Hassbotschaft des Unbekannten stieß. „Interessant“ ist noch der positivste Begriff, der ihr einfällt. Trotzdem hat Levine beinahe tausend Fotos gemacht, von denen nun 238 in ein Buch eingeflossen sind. Es heißt „Berlin – the urban photo project“. Und es zeigt die Hauptstadt als triste, verkommene Grausteinkulisse, in der die Menschen einen bemerkenswerten Mangel an Theatralik zeigen. Einmal spähte die Fotografin auf ihren Streifzügen durch ein gekipptes Turnhallenfenster und sah einer Tanzschule zu. Die abgewinkelten Arme, der beherzte Ausfallschritt sind die gewagtesten Gesten, denen Levine in Berlin begegnete. Ansonsten viel Müll, Zerschlagenes, Erbrochenes, Verbotsschilder, Brachflächen und Bratfett, Neubauten, die alt aussehen. Eben all das, was man als Berliner jeden Tag sieht, aber zu ignorieren sich angewöhnt hat.

Begonnen hat Levine vor sechs Jahren mit den Baucontainern am Potsdamer Platz, in denen portugiesische Fremdarbeiter hausten. Als sie wissen wollte, ob es noch mehrere solcher improvisierten Siedlungen gebe, schickte man sie nach Kreuzberg. Sie ging über eine Wiese, auf der dieselben Container standen, und fühlte sich wie an den Stadtrand versetzt. Auf einer Koppel weideten Pferde. Die gehörten einem Schausteller. Die Jugendlichen der Umgebung durften die Tiere ausreiten, wenn sie die Rösser pflegten. Einen Monat lang ging Esther Levine jeden Morgen dorthin. Manchmal geschah stundenlang nichts. Sie saß nur in einem Wohnwagen und fror.

Was Fotografieren bedeutet, begriff die Deutsch-Amerikanerin, die in Frankfurt am Main und in Trier aufwuchs, erst spät. Als Studentin der Innenarchitektur ging sie 1993 nach New York. „Ich kannte niemanden“, sagt sie, „also was macht man?“ – Fotos. Die Bilder waren ein Versuch, die visuelle Macht der Stadt zu brechen. Schließlich sattelte Levine ganz auf Fotografie um und belegte eine Klasse am International Center of Photography, das Cornell Capa Mitte der siebziger Jahre gegründet hatte. In den zehn Monaten der Ausbildung wurde sie vor allem darauf gedrillt, Langzeitreportagen aufzubauen.

Um in die Eingeweide einer Stadt vorzudringen – so lernte sie von William Klein –, genügt es nicht, durch deren Straßen zu wandern. Sie musste Menschen kennen lernen, Teil ihres Lebens werden. „Ich bin neugierig“, sagt die 36-Jährige über ihre Motivation, sich einer Gruppe Kreuzberger Jugendlicher anzuschließen. „Die Kamera ist ein Werkzeug. Und als Frau sieht man mich nicht als Bedrohung an.“ Sie sagt es auf ruhige, amüsiert-einnehmende Art, noch immer verwundert, wie leichtfertig ihr die Menschen, die sie auf der Straße anspricht, Vertrauen schenken.

So setzt ihr „Berlin“-Buch im Stil einer Fotoreportage ein: Jungen und Mädchen in einem Wohnwagen, Bierflaschen stehen auf dem Tisch, die Pferde müssen gefüttert werden. Die Dinge passieren wirklich in diesen Bildern des Umbruchs, und Levines verwackelte, verwischte, aus dem Fluss gegriffene Momentaufnahmen erinnern daran, wie viel Tempo sich hinter der allgemeinen Berliner Gemächlichkeit verbirgt. Wobei die episodische Verschränkung der Bildersequenzen den Ansichten einen filmischen Zug geben.

Einmal, sagt Levine, habe sie ein paar Jugendliche in einem Park angesprochen, ob sie sie fotografieren dürfe. Da fing es plötzlich zu regnen an und alle rannten in den Nordbahnhof. Levine rannte mit. Von dem Augenblick an gehörte sie dazu. Es seien die Immigranten, die Fremden und Neulinge, schrieb das „Leica“-Magazin jüngst über Levines Städte-Projekt, die den wahren Charakter einer Stadt erfassen. Fremd ist sie überall. Ihre nächsten Bücher werden von New York, Warschau und Guangzuhou erzählen.

Esther Levine, Berlin. Edition J.J. Heckenhauer, Berlin 2006, 218 Seiten, 24 €

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