Kultur : In der deutschen Wagenburg

Fabio Luisi startet als Chef der Semperoper

Joachim Lange

Man erwartete viel von diesen „Meistersingern von Nürnberg“, die Fabio Luisi, neuer Generalmusikdirektor der Semperoper Dresden, zur Antritts-Chefsache erklärt hatte. Luisi imponierte anfangs auch mit schlanker Transparenz, leuchtet detailfreudig aus, behielt auch immer die Führung. Doch das Große und Ganze baute sich nicht auf, nicht in den Monologen und auch nach der Prügelfuge muss man nicht durchatmen. Die Sächsische Staatskapelle kann als das Wagnerorchester par excellance natürlich gar nicht unter einem bestimmten Niveau spielen. Keine Katastrophe also, aber auch keine Faszination.

Dass dem respektabel als Stolzing gestarteten Robert Dean Smith im zweiten Akt die Stimme wegblieb und die Zweitbesetzung Raymond Very dann das Preislied sang, ist Künstlerpech. Dass Camilla Nylund mit ihrer Eva trotz gesundheitlicher Einschränkung gut über die Runden kam, ist respektabel. Dass Bo Skovhus sich den Sixtus Beckmesser ziemlich belcantistisch anverwandelte, war interessant. Dass der Dresdner Chor exzellent ist, gehört zum Standart. Doch, dass Hans-Peter König mit einen Muster-Pogner, dem Matthias Hennebergs Kothner in Nichts nachstand, mehr von der Seite her demonstrierten, welches stimmliche Niveau sich in Dresden gehört, verdeutlicht auch, wie schwierig es mittlerweile ist, für die Meistersinger wirklich eine Traumbesetzung zusammenzubringen. Alan Titus stand zwar völlig sicher in seinem Sachs. Doch er stand stimmlich, und vor allem gestalterisch, auch auf der Bremse.

Das eigentliche Ärgernis aber ist die Inszenierung von Claus Guth. Der nimmt die Meistersinger viel zu klein (kariert) und unterschlägt den Humor, die Liebesgeschichte, den Künstlerdiskurs oder die Rezeptionsgeschichte. In der gemeinsam mit Ausstatter Christian Schmidt schon oft erprobten Perspektivenänderung (zu große Möbel für dann verloren wirkende Menschen) verlieren sich die Meister in ihrem weißen Vereinszimmer. Ob da eine Riesenfliederdolde zum Fliedermonolog ins Zimmer ragt oder der hermetische Vereins-Innenraum in der Johannisnacht auf dem Kopf steht. Oder ob die musikalisch fade Prügelszene als Mittsommernachtsspiel mit Tiermasken mit einem fast nackten, quasi kastrierten Beckmesser mit blutiger Unterhose endet: Diesmal verläppert sich alles zwischen uneingelöster Behauptung und Illustration.

Wie dann auch die finale Festwiese. Erst ein erzwungenes Tänzchen mit eingewanderten Putzfrauen. Wenn die politisch heikle Schlussansprache des Hans Sachs droht und der Chor sich mit lauter kleinen Häuschen schützend vor die Meister stellt, überkommt Eva noch der emanzipatorische Furor. Sie bedeutet ihrem Stolzing die Meisterwürde abzulehnen, um dieser imaginären deutschen Wagenburg zu entkommen. Beckmesser war ohnehin „draußen“. Schon wieder blutend und als exemplarisch Ausgestoßener. Joachim Lange

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