Kultur : In der Premiere-Zone

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FERNSEHZIMMER

Kurt Scheel testet das Programm für TVAbonnenten

Herr Igor, der wo mein Medienberater ist und sich zeitweise sein Geld als Soft- und Hardware-Spezialist verdient hat, musste zweimal antreten, um den Premiere-Decoder überhaupt in Funktion zu setzen! Jemand wie ich, der trotz seines Großen Latinums durchaus kein Technikdussel ist, hätte also überhaupt keine Chance gehabt. Was mich vermuten lässt, dass die Akademiker unter den Premiere-Abonnenten die berüchtigte D-Box vorwiegend als eine Art elektronischen Weihnachtsteller mit Zeitanzeige rumstehen haben.

Doch wenn das Ding erst einmal läuft, halten deine Sorgen keineswegs Siesta – on the contrary. Denn du musst bei fast jedem der 15 Programme, die du dazu gewonnen hast, deine PIN-Nummer eingeben, um den Kanal freizuschalten. In meinem Arbeitsstudio, wo ich normalerweise gute Bücher lese oder interessante Artikel („Texte“) verfasse, ist es aber naturgemäß, wenn ich dort gelegentlich des Fernsehkonsums obliege, duster. Das heißt also, wie war der verdammte Code gleich noch?, 6904, fummelfummel: „Falsche PIN!“, ein Todesschreck durchzuckt dich wie vorm Bankautomaten, daß gleich der Decoder eingezogen und verschwinden wird. Ach nein: 6094, fummelfummel, und die Knöpfchen sind so klein, und das Zimmer ist so dunkel, und wenn du jetzt auch noch durch feierabendlichen Alkoholgenuss (zur Entspannung) deiner Feinmotorik nicht mehr ganz sicher wärst, nicht auszudenken.

Premiere ist also etwas für Menschen, die im Schlaf einen taiwanischen Videorecorder programmieren können – normale Intellektuelle wie Sie und ich werden scheitern und für unsere moderne Spaßgesellschaft nur Hass, Ekel, Verachtung empfinden. Fast kommt man sich vor wie in der (ehemaligen) DDR, und die PIN-Nummer ist die Volkspolizei, wo man sich permanent an- und abmelden muss. Ich weiß, es war nicht alles schlecht – aber dass die Speerspitze der globalen Unterhaltungsindustrie nach Stasi-Vorbild organisiert ist, scheint mir einer freiheitlichen Demokratie unwürdig.

Okay, lassen wir das, wenden wir uns dem sog. Programmangebot zu. Massenhaft Filme, wohl wahr, und dafür bin ich das Abo ja eingegangen. Aber (dieses Aber haben Sie jetzt erwartet, haben Sie nicht?) der Unterschied zu deinen 34 Kabel-Kanälen ist der, dass du den normalen Kram ein Jahr früher als bei RTL sehen kannst. Die einzige Serie, die etwas taugt und mit der du als Premiere-Mann deine Freunde ein bisschen neidisch machen kannst, ist „Six Feet Under“. Und was dem kritischen Abonnenten auch bald auffällt, ist die Schamlosigkeit, mit der die Filme endlos wiederholt werden.

Zum erstenmal habe ich am eigenen Leibe die Frustration unserer ostdeutschen Brüder und Schwestern, jedenfalls der niveauvolleren, nachempfinden können, als diese damals unsere freiheitlichen Supermärkte stürmten und perplex, ja angewidert feststellten: 14 Feinwaschmittel sind irgendwie schlimmer als eins. Man fühlte sich belochen und betrochen. Fast sehnte man sich danach zurück, als es nur Rotkäppchen-Sekt gab oder, wenn man Glück hatte, nicht einmal den! Bückware, quo vadis?

Mein Premiere-Selbstversuch hat jedenfalls ergeben, dass diese Überfülle bei einem kritischen Zeitgenossen gesunde antikapitalistische Reflexe hervorruft – quasi eine Fortschreibung der „Dialektik der Aufklärung“, und das sollten sich die selbst ernannten Adorno-Kritiker einmal gesagt sein lassen! Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er Stücker 50 Fernsehprogramme empfänge und nähme Schaden an seiner Seele? Nüschte!

Aber zum Schluss - Dialektik! - will ich etwas Positives anmerken: Es gibt die zwei Sportkanäle, und der gemeine Abonnent, machen wir uns nichts vor, hat ihretwegen ja diesen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Also lade ich tabulose Frauen und neidische Männer zum Bundesliga-Gucken ein, gebe weltmännisch Kaltgetränke aus und will gerade den dicken Max markieren – da machen diese Unholde eine Konferenzschaltung! Man sieht langweiliges Gekicke, ein Moderator grölt „Tor in Dortmund!“, es wird umgeschaltet, man sieht die Wiederholung des Tores, ein Moderator grölt „Rote Karte in Rostock!“, Umschaltung und Wiederholung. Spott und Hohn prasseln auf mich herab – einsamer nie.

Es hat dann nur zwei Wochen gedauert, bis ich mitgekriegt habe, dass man qua „Optionstaste“ das Spiel seiner Wahl sehen kann, aber das werde ich den „Freunden“ nicht auf die Nase binden, ich habe einen Ruf als Intellektueller zu verteidigen. Und letztlich liegt der Fehler ja nicht bei mir, sondern am System, das Benutzerfreundlichkeit offenbar für „typische Konsumentenunverschämtheit“ hält. Wer Filme und Serien seiner Wahl sehen will, ist also weiterhin auf Videotheken oder Amazon angewiesen. Premiere ist, ich sage es nur ungern, nichts für unsereinen.

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