Kultur : In der Wüste

Zeuge des Genozids: Armin T. Wegner berichtete schon 1924 über die Verbrechen an den Armeniern.

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Die Entscheidung der Franzosen in der vergangenen Woche, die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern unter Strafe zu stellen, schlug international Wellen. Die damaligen Verbrechen sind seit langem gut dokumentiert. Der deutsche Schriftsteller Armin T. Wegner (1886–1978) beispielsweise war einer der Ersten, der aus eigener Anschauung über die Vertreibung der Armenier aus dem Osmanischen Reich berichtete.

Wegner war als Sanitätssoldat in den Jahren 1915/16 im Orient stationiert. So konnte er auch mit Betroffenen in den Flüchtlingslagern sprechen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs berichtete Wegner auf verschiedene Weise über die Gräuel in der mesopotamischen Wüste. Er schrieb Reportagen, er verfasste literarische Aufsätze, er hielt Vorträge. So auch diesen (vom Herausgeber Andreas Meier reichhaltig kommentierten) Lichtbildvortrag von 1924.

„Leichen, Leichen, reihenweise bedeckten sie die Erde“, heißt es in den drastischen und pathetischen Worten des Schriftstellers. „Gebirge von Toten waren es, die diese Wege der Schmach und der Verzweiflung bedeckten. Als ich im Herbst 1916 von Bagdad zurückkehrte, begegnete ich an den Ufern des Euphrat nur noch Gräbern und in der Sonne bleichenden Knochen. Die großen Flüchtlingslager waren bis auf wenige klägliche Reste zusammengeschmolzen.“

Der 24. April gilt heute als Gedenktag für den Völkermord an den Armeniern. Am 24. April 1915 begannen in Istanbul die Verhaftungen und Verschleppungen. Die armenische Elite der Stadt wurde deportiert und ermordet. Danach radikalisierten sich die Maßnahmen und es kam zu dem, was heute weithin als Genozid bezeichnet wird: Bis zu 1,5 Millionen Menschen sollen umgekommen sein, verhungert, verdurstet, erschlagen.

Der Pazifist Wegner klagte an: „Die armenischen Deportationen während des Krieges in die Wüste in den Jahren 1915–17 zeigen in einer selten abgeschlossenen Weise bis zu welchem Grade der Machtwahn der Staatsidee und der Blutrausch der bewaffneten Gewalt ein Land führen können. Die Kenntnis und der Einblick in diese Tragödie sind der beste und unwiderlegbarste Beweis gegen die Geisteskrankheit des Krieges an sich.“

Wegner gilt heute neben dem evangelischen Theologen Johannes Lepsius als wichtigster Zeuge für den Genozid an den Armeniern. Doch in seinem Vortrag von 1924 blieb Wegner noch zurückhaltend mit seiner Kritik an der Türkei und den Mitwissern in der deutschen Politik. Später wird Wegner deutlicher werden – und das Schicksal der Armenier ließ ihn zeitlebens nicht los.

Die damit verbundene deutsche Schuld wird aber bis heute auch nicht gern gehört und zugegeben. Deutschland war im Ersten Weltkrieg mit der Türkei verbündet. Deutsche Diplomaten und Spitzenpolitiker wussten von den Verbrechen in der mesopotamischen Wüste. Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes finden sich viele Dokumente zu den Verbrechen.

Der Publizist Wolfgang Gust hat diese Akten ausgewertet und wiederholt daraus publiziert. Auch für die vorliegende Dokumentation aus dem Jahre 2010 hat Gust ein Nachwort geschrieben, das erschütternd ist. Darin zitiert er ein Schreiben des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg. Der Politiker teilt dem deutschen Botschafter in der Fremde im Juli 1915 mit: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht.“

Armin T. Wegner: Die Austreibung des armenischen Volkes in die Wüste. Ein Lichtbildvortrag. Herausgegeben von Andreas Meier. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 216 Seiten, 24 Euro.

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