Kultur : In der Zeitschleuse

Neue Präsentation im Haus der Wannsee-Konferenz

Thomas Lackmann

Die Dielen knarren, das wird so bleiben, sagt Direktor Norbert Kampe. Die alte Fabrikantenvilla, die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, hat zwar für 605 000 Euro aus Bundes- und Berliner Lottomitteln eine neue Dauerausstellung erhalten. Aus dem eigenen Jahresetat ist dieser „authentische Ort“ außerdem für 100 000 Euro renoviert worden, die Stoffwandbespannung des denkmalgeschützen Gebäudes hat man erneuert. Nun ist das Geld alle. Der neue Ausstellungskatalog kann nicht mehr gedruckt werden; für die Ausgaben in Deutsch, Englisch, Hebräisch fehlen jeweils 30 000 Euro. Die Erneuerung der Dielen würde nochmals 100 000 kosten.

Eine kurze Besprechung am 20. Januar 1942 hat diese Villa berüchtigt, berühmt gemacht; seit 1992 ist das Haus Gedenkstätte. In Ergänzung weiterer Berliner Gedenkstätten, des Ortes der Information am Holocaust-Denkmal und der Topographie des Terrors auf dem Terrain des ehemaligen Gestapo-Hauptquartiers, gehe es hier vor allem um die Darstellung der „arbeitsteiligen Organisation des Holocaust“, sagt Direktor Kampe. Während jenes Arbeitstreffens vom Januar 1942 hatten 15 hochrangige Vertreter der SS, der NSDAP und verschiedener Ministerien sich abgesprochen, wie die Deportation der europäischen Juden zu organisieren sei: Der Genozid wurde zur gesamtstaatlichen Aufgabe.

Die alte Dauerausstellung haben in 14 Jahren 800 000 Menschen besichtigt; drei Fünftel davon nahmen an pädagogischen Programmen teil. Zwei Fünftel kamen aus dem Ausland. Nur zehn Fotografien der alten Schau sind in die neue eingegangen, auch einzigartige Dokumente wie das von Adolf Eichmann verfasste Konferenzprotokoll. Bild- und Text-Objekte sind nun auf einem an Schienen aufgehängten Tafelsystem, einer „zweiten Raumschale“, angebracht, die den Wandstoff nicht berührt; künftig kann man alle Stücke leicht auswechseln. Funde aus KGB-Archiven in Moskau und im Baltikum wurden eingebracht. Auch wurde den Diskriminierungsjahren 1933 - 39 und dem rassistischen Radikalisierungsprozess mehr Platz eingeräumt.

Statt anonymer Opferdarstellungen sollen nun vier Familienbiografien aus West- und Osteuropa vorgestellt werden, deren Spuren in diversen Themenbereichen wieder auftauchen. Zwei Videos dokumentieren Interviews über das Warschauer Ghetto, aus den Lagern Auschwitz und Bergen-Belsen. In einer Audiostation kommen Opfer und Täter zu Wort; der „multiperspektivische Zugang“ ist eine neue Spielart der Gedenkstättenpädagogik. In einem Zeitschleusen-Korridor geleiten Zitate von Nachgeborenen schließlich zur Gegenwart. Erste Eindrücke – fertig gestellt wird ein wichtiger Ausstellungsteil erst heute, am Vorabend der Eröffnung.

Das Interesse an diesem Thema lasse nicht nach, sagt der Direktor Kampe. Seminar-Buchungen für sein Haus liegen bis zum Jahresende vor. Gedenkstättenkonkurrenz belebt das Besichtigungs-Geschäft. Aus der Ruhe weitab vom Zentrum und dem Kontrast zwischen Idylle und Ausstellungsthema entstehe „fruchtbare Spannung“. Durchs Fenster ist der Wannsee zu sehen, ein Schlittschuhläufer und eine Eisdecke, von der niemand weiß, wie dünn sie ist.

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