Kultur : In Extremo

Diese Woche auf Platz 9 mit: „Raue Spree 2005“

Ralph Geisenhanslüke

Dieses Jahr gab es irgendwie keinen richtigen Karnevals-Hit. Das Rheinland wurde praktisch im Alleingang von De Höhner beschallt. „Echte Fründe ston zosamme“, „Viva Colonia“ – diese Evergreens kann in den westlichen Provinzen jeder im Koma mitsingen. Ist die Sause nun vorbei? Nicht ganz. In den traditionell spaßgebremsten ostelbischen Gauen hat sich eine andere, bisweilen garstige Art von Mummenschanz etabliert: der so genannte Mittelalter-Rock. Bands mit lateinischen oder sonst wie tümelnden Namen, verkleidet in derbe Kluft und musikalisch unterwegs zwischen Gothic, Metal und Folk-Rock.

Ihr bekanntester Vertreter heißt derzeit: In Extremo. Eine Band, die als Jahrmarkts-Attraktion bei den hier beliebten Mittelalter-Spektakeln begann und über die Jahre auf Stadionformat wuchs. Ihre Mitglieder nennen sich „Das letzte Einhorn“ oder „Der Morgenstern“. Sie singen alte und neue Weisen, oftmals in fremden Zungen wie Okzitanisch oder Isländisch, bisweilen auch Texte von Villon oder Kinski. Und immer klingt das knurrig geraunt und latent psychotisch wie Rammstein, bei denen man sich ja auch immer fragt, wohin das Gewese, die Pyrotechnik und die schlechte Laune eigentlich führen sollen. Erinnert dieses teutonische Toben nicht an mittelalterliche, vorgeschichtliche, ja vorverstandliche Verhaltensmuster?

Vermutlich handelt es sich einfach um die neue ostelbische Folklore. In Rio geht der Karneval nach Aschermittwoch einfach weiter. In Berlin eben auch.

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