Kultur : In großen Scheinen

Komische Oper: Andreas Homoki inszeniert Brecht/Weills „Mahagonny“

Christine Lemke-Matwey

Nein, am Stück liegt’s nicht. Denn was hätte die Komische Oper, was hätte Andreas Homoki im Verein mit seinem Dramaturgen Werner Hintze aus Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ nicht alles machen können respektive müssen: eine kreischende Parabel auf den Berliner Pleitegeier im Allgemeinen und die Opernstiftung im Besonderen („Das ist die ewige Kunst!“)! Eine politisch garantiert unkorrekte Hartz- IV-Doku-Soap („Weil es nichts gibt, woran man sich halten kann.“)! Einen galligen Zustandsbericht aus den Eingeweiden der großen Koalition („Können uns und euch und niemand helfen!“)! Oder Kursorisches wenigstens über den deutschen Partyotismus („Erst kommt das Fressen ...“), über Sextouristen und/oder die soziokriminellen Folgen unserer galoppierenden Erderwärmung vom Zugspitzplatt bis New Orleans (das Ganze spielt in der Wüste). Irgendetwas jedenfalls, das sagt: Huhuu, wir leben noch! Und ihr da unten, die ihr uns zuschaut, gefälligst auch, los, auf! Wir wissen nämlich, was wir hier tun.

Doch nichts davon. Alles mal wieder viel zu platt, um ästhetisch wahr zu sein, viel zu wenig lesartlich, eben: dramaturgisch gedacht. Und so macht es das Theater an diesem Abend wie die Politik – und schmort lieber ermattet im eigenen Saft. Projiziert die Brechtschen Regieanweisungen in Schreibmaschinenschrift aufs Bühnenbild (V-Effekt), lässt dieses auf den ersten Blick so aussehen wie die magische Kiste, die Bert Neumann seinerzeit für Peter Konwitschnys Stuttgarter „Götterdämmerung“ ersonnen hat (gut geklaut ist halb gewonnen, auch ohne Magie), und erschöpft sich im zweiten Teil in emsig wackelnden Chorhüften und endlosem Geldscheinregen (Hamburg, „Wozzeck“!). Auf den zweiten Blick übrigens wird die besagte Kiste allen Packpapiers entkleidet und entpuppt sich als riesenhafte Duschkabine, mit palmenbemaltem Vorhang und anderem utopischen Geflacker (Bühne: Hartmut Meyer, Video: fettFilm). Warum aber, so fragt man sich, sehen die vier Goldgräber aus Alaska, die in der Ganovenstadt Mahagonny ihr Unglück finden, wie Goldgräber aus Alaska aus, mit Fuchsschwänzen und karierten Flanellhemden (Kostüme: Mechthild Seipel)? Und weshalb sind die Geldscheine wie Gästehandtücher so groß? Weil alles doch nur ein ranziger Spaß ist, Ironie, Theorie, keinerlei Bedeutung (mehr)?

Und wieso kommt eigentlich keine „Mahagonny“-Inszenierung der Welt ohne Leitern aus? Hier sind es drei, die wechselweise bestiegen werden. Da winken sie denn über den Chor und die Bühnenarbeiter hinweg in den Saal, die tapferen Sängerdarsteller des Hauses, als wär’s zum letzten Mal: Christiane Oertel als wenig verrucht operierende Begbick, Christoph Späth (Fatty) und Jens Larsen (Moses) wie Pat und Patterchon, Tatjana Gazdiks unselig fehlbesetzte Jenny, die im Alabama-Song tatsächlich kaum zu hören war, sowie Kor-Jan Dusseljees Jim Mahoney, der in seiner Ausstrahlung von einem glühenden Anarchisten etwa so weit entfernt ist wie der schleppende Applaus am Ende dieses Abends von dem (politischen!) Skandal, den die Leipziger Uraufführung 1930 in der gesamten Weimarer Republik auslöste.

Die Firma Brecht/Weill wollte dieses Opus als „antikapitalistische Attacke“ verstanden wissen, trieb hier bekanntermaßen ihren lustvollen Kehraus mit allen spießbürgerlich-kulinarischen Opernträumen. Das ist Geschichte. Was uns jenseits der historischen Großtat und jenseits aller Jubiläen an diesem Stück heute zu interessieren hat, wer all diese Menschen sind und was sie treibt, verrät uns Homoki leider nicht. Diese Last allein Kirill Petrenko aufzubürden und dem grandiosen Chor des Hauses (Einstudierung: Robert Heimann, Daniel Mayr), ist ungerecht und kann nicht funktionieren. So beredt das Orchester auch spielt, so fabelhaft Petrenko Weills Löcken und Ätzen ins Appellhafte, Kathedralische à la Schostakowitsch zu weiten versteht: Ganz ohne Konzept geht die Chose nicht.

Wieder am 27.9, 1., 6., 8. und 10.10.

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