Kultur : In New York findet jedes Jahr die größte Büchermesse für Amateure statt

Joyce Hackett

In einem holländischen Bauernhaus aus dem Jahre 1783, das als Fremdkörper mitten in Brooklyns florierendem multi-ethnischen Stadtteil Flatbush erhalten geblieben ist, saßen Kinder aus sechzehn Nationen und lauschten hingerissen einer Erzählerin, die ihnen die Geschichte ihrer Hauptstraße erzählte. Zur selben Zeit hielt Jaye Zimet auf der anderen Seite des East River in Manhattans Schwulen-und-Lesben-Buchladen "A Different Light" einen Vortrag über die lesbische pulp fiction der vierziger und fünfziger Jahre. Gleichzeitig lasen neue asiatische Romanautorinnen downtown vor ausverkauftem Saal aus ihren Werken.

Jedes Jahr kurz vor der Frankfurter Buchmesse verwandelt das New York Is Book Country-Festival die Stadt in das größte und lebendigste literarische Mosaik der Welt. Anders als die bedeutenden Buchmessen in Frankfurt und Jerusalem - Veranstaltungen für Insider, die sich in erster Linie an die großen Verlage richten, die auf neue Kontakte und Verträge erpicht sind - findet New Yorks Buchmesse nicht in einer riesigen, sterilen Kongresshalle statt, sondern in den Straßen südlich und östlich vom Central Park und an Hunderten von anderen Orten, verstreut über die ganze Stadt. Tausende Literaturbegeisterte schlendern an Ständen vorbei, die Bücher aller Art ausstellen.

Die Straßenmesse veranschaulicht ein elementares (wenn auch fragwürdiges) Dogma des hyperkapitalistischen amerikanischen Verlagswesens: die Vorstellung, dass jedermann, ob Schriftsteller oder nicht, ein Buch verkaufen kann. So stehen direkt neben den Ständen renommierter Verleger die Tische der Ellis Island Press, die ihr einziges Buch, "The Ellis Immigrants Cookbook", präsentiert, der NBA Press, die hagiographische Biographien von Superstars verramscht, und des Milliardeninvestors Warren Buffet, dessen im Selbstverlag erschienene Essays für freche 27,50 Dollar erstanden werden können.

In ihrem demokratischen Ansatz lässt die Messe sowohl die ungeheure Vitalität wie auch Banalität der amerikanischen Buchindustrie erkennen. Aber der Geist des amerikanischen Verlagswesens, für den dieses Festival steht, liegt in der Art, wie hier Virginia Woolfs "gewöhnliche Leser" in ihrer großen Vielfalt als Individuen respektiert werden. Und genau dies verleiht dem New York Is Book Country seine einzigartige, fröhliche, unelitäre Würze. Anstatt den Lesern abzuverlangen, gedruckten Ideen zu huldigen, huldigt das Festival den Lesern. In fast allen Stadtbezirken finden Hunderte von Lesungen und Diskussionen statt, nicht nur an herkömmlichen Orten wie Büchereien, Buchläden und Hörsälen, sondern auch in kleinen Museen, in Druckereien, in feinen Hotels, in Supermärkten und selbst im National Tennis Center in Flushing Meadows. Die Teilnahme an diesen Events verlangt keine Auflage, keine Einschreibgebühr.

Die New Yorker lieben das Schmökern aus den verschiedensten Gründen: Die Hälfte aller Amerikaner, die in ihrer Steuererklärung als Beruf "Schriftsteller" angeben, leben in dieser Stadt. Wenn man die Journalistengilde, die Professoren, Bücher- und Zeitschriften-Redakteure hinzurechnet, ist die Stadt mit Durchschnittsbücherwürmern randvoll gefüllt. In mit schwitzenden Leibern vollgestopften U-Bahn-Wagen ist die Lektüre der einzige Schutz, und nur wenige reisen unbewaffnet. Das Festival spiegelt die Energie und die Mannigfaltigkeit seiner Einwohner wider: Die vorgestellten Autoren entstammen mehr als dreißig verschiedenen Ländern. Obwohl es die unvermeidliche Berieselung durch schulmeisternde Diskussionen der Literaturspezialisten gibt, wenden sich die meisten Veranstaltungen nicht an Fachleute, sondern an Literaturbegeisterte, an Kinder und Alte, an Köche und Baseball-Fans, an Sänger und Computer-Freaks. Autoren von Groschenkrimis, Balkananalysen, religiösen Gedichten, von Kochbüchern und Selbsthilfeanleitungen sowie konventionelle Romanciers und Journalisten waren anwesend, um sich der Öffentlichkeit zu stellen. Der vielleicht anrührendste Autorenauftritt war in diesem Jahr, als ehemalige weibliche Häftlinge eines New Yorker Gefängnisses berichteten, wie sie ihrem Leben einen Sinn gaben, indem sie im Knast ein Programm zur Aids-Prophylaxe entwickelten und dann ein Buch für andere Gefangene darüber schrieben. Die Mehrzahl der Veranstaltungen widmete sich schlichteren, seichteren Themen. Während die Gurufrau der Kochkunst, Julia Child, Techniken des Sautierens demonstrierte, bot eine Theatertruppe nebenan Musicalsongs dar, die Romantexte adaptierten. Im exklusiven Waldorf-Astoria zahlten betuchte Vorstädter 98 Dollar pro Teller für einen literarischen Brunch, bei dem der Thrillerautor Richard North Patterson seine erste Creative writing class beschrieb, die aus "vierzehn Damen mit blauem Haar bestand, die Liebesgedichte an Jesus schrieben - und an mich selbst".

Neben den Show-Auftritten der Berühmtheiten gibt es Diskussionen in Dutzenden kleinerer Museen, wo man sich tieferen intellektuellen Fragen widmet. Dieses Jahr machte der Autor Jared Day eine Führung durch die winzigen Räume des Lower East Side Tenement Museum, das dem Leben der Einwanderer gewidmet ist. Danach diskutierte der Autor über sein Buch "Urban Castles", eine Analyse des Wohnens in Miethäusern und der politischen Aktivitäten von Haus- und Grundbesitzern im frühen 20. Jahrhundert.

Im Bemühen, in einer zunehmend non-verbalen Kultur die zukünftige Leserschaft zu sichern, bot die Messe vielerlei Pfade, die zur Bücherliebe führen. Ein Workshop fürs Büchermachen am American Craft Museum gab Familien die Gelegenheit, ein Buch zu gestalten und anschließend ihre Stammbäume darin aufzuzeichnen. Auf Staten Island bot ein kleiner Lyrik-Verlag eine Veranstaltung zur Kalligraphie und Papierherstellung an; Teilnehmer stellten aus ihren eigenen Gedichten kleine, handgebundene Anthologien her. Im Center for Book Arts, einer schicken gemeinnützigen Einrichtung für Buchdesign, konnten Besucher Künstlern über die Schulter sehen, die alte Buchherstellungstechniken anwandten, Papier marmorierten und Goldschnitte anfertigten. Und während "Technik-Freaks" über die Zukunft von Hypertext im New York University Center for Publishing diskutierten, maßen sich auf dem Times Square Teenager aus der Bronx in einem Gedichtwettbewerb olympischen Ausmaßes: Sie brüllten ihre Verse Passanten zu, die stehenblieben und den Kandidaten mit Beifalls- oder Missfallensbekundungen einen Schritt näher zum Ruhm zu verhelfen - vielleicht sogar zu einem Auftritt auf der Hauptbühne eines zukünftigen New York Is Book Country.Aus dem Amerikanischen von

Ursula Grützmacher-Tabori

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