Kultur : In Russland zählt nur der Skandal

Moritz Schuller

Arsenij Sergejew ist fünfunddreißig Jahre alt und lebt mit seiner Frau und dem gemeinsamen, zwei Monate alten Kind in der russischen Provinzstadt Jekaterinenburg. Sergejew ist beim staatlichen Zentrum für zeitgenössische Kunst als "Art Director" angestellt, wie sein Titel auch im Russischen heißt, und dafür bezieht er ein monatliches Gehalt von 100 Dollar. Daneben, und das heißt auch neben seinem anderen Job als Designer, produziert er Kunst. Früher hat er gemalt, doch verkaufen kann man Bilder in Jekaterinenburg nicht. Jetzt macht Arsenij Sergejew Videoinstallationen.

Ab Donnerstag präsentiert die Ausstellung "Davaj!" im Postfuhramt Sergejew, der sein Heimatland bislang noch nie verlassen hatte, als Künstler "aus dem Laboratorium der freien Künste in Russland". Dass er hier als Teil einer Gruppe vermarktet wird, als Teil einer vermeintlich neuen radikalen Kunstszene, stört Sergejew nicht. Eine gesamtrussische Künstler-Bewegung gebe es nämlich nicht. "Jeder kocht sein eigenes Süppchen. Die russischen Künstler konkurrieren nicht untereinander, sondern gemeinsam mit dem Westen." Jeder versucht, besonders originell zu sein, jeder versucht, seine eigene Arbeit voranzubringen. Wenn es eine Strömung gebe, dann eine Anti-Strömung, die auf Individualismus setzt.

Zur Zeit könne kein Künstler in Russland von seiner Kunst leben, sagt Christiane Bauermeister, die in Zusammenarbeit mit russischen Kuratoren die Teilnehmer für "Davaj!" (was soviel wie "Dalli" heißt) ausgewählt hat. "Aber die Erwartung haben die Russen auch nicht, da sie siebzig Jahre von Staatsaufträgen gelebt haben." Bauermeister schwärmt von der eigenen Sprache, die diese Kunst entwickele, die reiche bisweilen an Anarchie heran. Man habe das künstlerische "Rohmaterial" Russlands eingeladen, meint der Direktor des Wiener Museums für Angewandte Kunst, Peter Noever, ein Mitveranstalter von Davaj.

Russland als Spiegel, in dem der deutsche Kunstmarkt seine Fratzen schneiden kann: Wenn wir doch selbst nur ein wenig radikaler wären, so scheint auch der Leiter der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius, zu denken, so wie die armen, idealistischen Russen: "Für uns, eingelullt von einem stark kommerzialisierten Kunstbetrieb, ist diese Kunstszene deshalb so unberechenbar, weil ihr Ziel letztlich die totale Revision aller gesellschaftlichen Fundamente ist." Es ist das alte Bild von Sergejew und seinen Freunden, das die Deutschen noch immer in Sehnsucht und Selbstverachtung zu stürzen scheint.

Radikale Kunst im Westen, sagt Sergejew, sei völlig anders als in Russland: Nicht im Konzeptionellen liege freilich der Unterschied, sondern im "Geist" der Kunst. "Radikale russische Kunst war schon immer der Skandal, etwas, das ein starkes Echo in der Presse hervorrufen musste. Auch heute kann man in Russland auf keine andere Resonanz bauen als auf den Skandal." Und doch sagt er, dass allein die technischen Möglichkeiten im Westen die Kunst in ihrer Radikalität erhöhe. Skandal hin oder her, russische zeitgenössische Kunst bleibe dagegen nurmehr eine Skizze.

Ist es eine romantische Verklärung, wenn die Kuratorin von "Davaj!" davon spricht, dass Sergejew und seine Frau in "unvorstellbarer Armut" leben, dass Jekaterinenburg eine verkommene, eine "ganz gemeine Industriestadt" sei, in der vor drei Jahren noch alle Fabriken geschlossen waren, und dass Sergejew gerade dort Aufbauarbeit leistet für die Kunst? Realität oder Projektion: Der opferbereite russische Künstler, der in seiner Dachwohnung eine Kunstzeitschrift produziert.

Er wäre längst nach Moskau gegangen, sagt Arsenij Sergejew, oder gleich ins Ausland, wäre da nicht sein Job als Funktionär, und so nennt er sich wirklich, beim Zentrum für zeitgenössische Kunst. "Wenn sich diese Umstände einmal ändern sollten, würde ich lieber in Moskau leben." Heute kann er sich das nicht vorstellen, allein an den Bestechungsgeldern, die man in einem Moskauer Krankenhaus für die Geburt eines Kindes hinlegen müsse, würde dieser Plan scheitern.

Früher, sagt Sergejew, habe er sich ausschließlich am Westen orientiert. Er wollte ein Modernist sein, ein Zeitgenosse von Boltanski und MTV, von Tillmans, Gary Hill und Cindy Sherman. Lange wollte er genau so sein. "Inzwischen habe ich diese Liebe zum Westen abgelegt. Ich verstehe, dass das nicht geht, dazu müsste ich in dieses System hineingeboren sein, als ein westlicher Mensch werden. Und das ist nicht möglich."

Heute gehe es ihm stattdessen darum, als russischer Künstler zu arbeiten. "Die persönlichen Leidenschaften, das was mich bewegt, auszuleben und in der Kunst auszudrücken. Mit mir selbst eine Einheit bilden." Das mag jene Authentizität beschwören, nach der sich auch Joachim Sartorius sehnt. Trägt dieser Rückbezug nationale Züge? "Eher russische", sagte Christiane Bauermeister, "die Künstler dort wollen ja immer das Volk ein bisschen bekehren." Ins Volk gehen.

Sergejews jährliches Ausstellungsbudget als Art Director beträgt 1000 Euro. Das reiche für etwa drei bis vier Projekte im Jahr. Früher hätten Künstler nebenbei als Hofkehrer arbeiten können, doch inzwischen werde sogar dieser Job zu schlecht bezahlt. Die meisten der jungen Künstler produzieren ihre Arbeiten also in der Freizeit und arbeiten hauptberuflich als Designer. Andere würden von westlichen Stipendien leben, die aber auch zurückgegangen seien. "Viele radikale Künstler und Aktionisten, die nach der Perestroijka angefangen hatten, haben inzwischen wieder aufgehört, weil die große Nachfrage aus dem Westen nachgelassen hat", meint Sergejew. Eines weiß er aber auch: "Der Status eines russischen Künstlers steigt, wenn er im Westen ausgestellt hat."

Zuletzt hat Arsenij Sergejew eine Videoperformance durchgeführt: Auf seinen Oberarm montierte er eine Panasonic-Videokamera, in der anderen Hand hielt er einen Eimer mit schwarzer Farbe. So unterhält er sich mit Passanten, jagt sie, bemalt ihre Nasen mit schwarzer Farbe. Eine andere Kamera hält deren Reaktion fest, deren Neugier, deren Ablehnung. Das sei "recht lustig", sagt er, und außerdem brauche er dafür kein Atelier, das macht es billiger. Ans Verkaufen seiner Arbeiten denkt er nicht. "Dass Werke wie die von Damien Hirst gekauft werden und dann in irgendeiner Wohnung stehen, das gibt es nicht. In Russland existiert so gut wie kein privater Kunstmarkt."

Sergejew sei repräsentativ für die Situation in der Provinz, sagt Christiane Bauermeister. "Mit solchen Persönlichkeiten wie Arsenej und seiner Frau fängt es an." Doch in zwei Jahren könne es wieder ganz anders aussehen, die Ausstellung ist schließlich nur eine Momentaufnahme." Ob Arsenij Sergejew dann noch immer in Jekaterinenburg sitzen.

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