Kultur : "In stürmischen Zeiten": Die Farben! Das Licht!

Daniela Sannwald

Die Holzhäuser im russischen Schtetl brennen schon, als jemand das kleine Mädchen auf den Wagen hebt und ihm ein Foto seines Vaters in die Hand drückt. Dem Pogrom knapp entkommen, blickt es fortan mit großen, erschrockenen Augen in die Welt. Und schweigt. Irgendwie gelangt es nach England, wo man es Susan nennt und bei Adoptiveltern unterbringt. Erwachsen geworden, lebt sie in Paris; das Foto ihres Vaters ist die einzige Verbindung zur Vergangenheit. Eines Tages, wenn sie genug Geld als Revuegirl verdient hat, will sie sich eine Schiffspassage leisten und ihn in Amerika suchen. Vorerst lebt sie mit Kollegin Lola in einer Dachkammer. Als Lola den Star-Tenor Dante trifft, werden die beiden Frauen in den Opernchor aufgenommen. Und dann reitet - auf einem Schimmel - ein dunkler Prinz in Susans Leben.

Es sei gleich gesagt: Auf diese Geschichte kommt es überhaupt nicht an in Sally Potters Film. Sie ist ein dünner Vorwand für die Inszenierung einer opulenten, manchmal schwülstigen, manchmal aber auch großartigen Ausstattungsorgie, die die Rezensentin in einen visuellen Rausch versetzte. Das Paris der dreißiger Jahre, die Oper und das Zigeunerlager, elegante Art-déco-Nachtclubs und die pittoreske Armut der chambre de bonne: Dekorativ und romantisch sind die Locations, Dekors und Kostüme des Films. Tenor und fahrendes Volk sorgen zusätzlich für musikalische Kulissen.

Deshalb frage man sich besser nicht, warum Christina Ricci in einem zerschlissenen Sessel sitzt, vom flackernden Feuer dramatisch beleuchtet, während Johnny Depp auf seinem Schimmel Kreise um sie zieht - in Zeitlupe! Man erschauere lieber genussvoll, denn Johnny Depp mit wehendem Haar, Pluderhosen und offenem Musketier-Hemd ist zum Sterben schön, und Christina Ricci, klein, blass und fragil, ist das auf ihre Weise auch. Man frage sich auch nicht, warum in "In stürmischen Zeiten" so wenig gesprochen wird und die Schweigsamsten auch die Besten sind. Viel wichtiger ist, dass Susan und Cesar bedeutungsvolle Blicke wechseln. Und dann, einmal nachts, fährt Susan auf dem Fahrrad durchs menschenleere Paris, und vor ihr tauchen, wie im Traume, drei Reiter auf. Mitten auf dem Prachtboulevard springen sie synchron auf die Sättel und reiten eine Weile im Stehen weiter!

Und erst die Farben, erst das Licht! Sally Potter arbeitet mit monochromen Sequenzen: Eine Szene erstrahlt in warmem Goldgelb, die nächste in kaltem Grau-Grün. Schwarzweißpassagen - Winter, Schnee - wechseln mit sorgfältig zu Tableaus arrangierten sepiafarbenen Szenen. In überirdisch weißem Licht präsentiert sich irgendwann der wiedergefundene Vater - aber hatten wir den nicht schon ganz vergessen? Das Ganze erinnert ein bisschen an die Kolorierungsverfahren im Stummfilm und passt zu den spärlichen Dialogen und zur bombastischen Musik. Und so ist "In stürmischen Zeiten" konzeptioneller, als man zunächst denkt: eine Hommage an den Stummfilm um 1920 womöglich, als Rudolph Valentino fremde, dunkle Prinzen spielte - mitunter auch hoch zu Ross.

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