Kultur : "In the Mood for Love": Was bedeutet Einsamkeit für Sie, Herr Wong?

Sind Sie enttäuscht über Cannes? Sie hab

Wong Kar-Wai gilt als der innovativste Regisseur Hongkongs. 1958 in Shanghai geboren, begann er früh, Drehbücher für Genre-Komödien zu schreiben. Sein viel beachtetes Regiedebüt gab er 1988 mit "As Tears go by", es folgten "Days of Being Wild", und "Ashes of Time". Mit "Chungking Express" (1994), gefolgt von "Fallen Angels", gelang ihm der Durchbruch beim westlichen Publikum. Wong Kar-wai arbeitet gerne mit vertrautem Team: etwa mit den Hongkong-Stars Maggie Cheung und Tony Leung; Kameramann Christopher Doyle ist seit 1990 dabei. Nach verschiedenen früheren Regie-Auszeichnungen erhielt der Filmemacher für "In the Mood for Love" dieses Jahr in Cannes lediglich Preise für Technik (Kamera und Schnitt) und den Hauptdarsteller.



Sind Sie enttäuscht über Cannes? Sie haben dort für Ihren Film eher Trostpreise bekommen, für Technik zum Beispiel.

Ja, das ist ein bisschen seltsam, zumal wir dort leider nur eine Mono-Version zeigen konnten. Aber wir haben auch nicht die Goldene Palme erwartet. Der Film ist sehr knapp vor Cannes fertig geworden. Wir hatten 15 Monate gedreht, wir waren verliebt in den Film und hätten ihn am liebsten immer länger und länger gemacht. Aber finanziell und physisch war es zu viel. Wir brauchten eine Deadline, da kam die Einladung für Cannes gerade recht. Trotzdem hätten wir es fast nicht geschafft. Der Film wurde mit Untertitelung erst am Tag vor der Premiere fertig. Es war sehr dramatisch.

Nervös ist auch die Stimmung in Ihren Hongkong-Filmen "Chungking Express" oder "Fallen Angels". Nervös ist heute auch Ihr Geburtsort Shanghai, die Heimat der Figuren aus "In the Mood for Love". Wird Shanghai so, wie Hongkong war?

Shanghai hat sich extrem verändert. Meine Geschwister leben dort, ich besuche sie jedes Jahr. Ich selbst kam ja nach Hongkong, als ich fünf war, während der Kulturrevolution. Jetzt sieht Shanghai alle zehn Monate anders aus. Die Stadt ist moderner als Hongkong oder Taipeh. Eines Tages wird Shanghai so sein wie Tokio. Die Menschen denken international, in den Begriffen einer Metropole. Ausländer und das westliche Leben sind ihnen nicht mehr fremd.

Wie geht die Regierung Chinas damit um?

Deren Mentalität ist wohl das einzige, was sich nicht geändert hat. Aber diese Starre bringt nichts. Denken Sie an den enormen Aufschwung, den der koreanische Film gerade nimmt. Woran liegt das? Die Regierung ist sehr viel offener geworden, viele Dinge sind auch für das Kino nicht mehr tabu. Wenn die chinesische Regierung sich auch öffnet, dann können wir etwas ähnlich Kraftvolles auch aus China erwarten.

Ihr neuer Film ist sehr ruhig. Sind Sie selbst zur Ruhe gekommen nach den nervösen Endzeitgefühlen in Hongkong, rund um die Rückgabe an China 1997?

1997 war wie eine Antiklimax. Fünfzehn Jahre lang haben die Leute der Übergabe entgegengelebt. Jeder erwartete eine große Veränderung. Viele emigrierten oder versuchten, schnell noch viel Geld zu machen. Und jetzt? Nichts hat sich geändert. Nur diese Leere. Alle waren so aufgeregt: Vielleicht machte die Regierung gerade deshalb so wenig. Die Energie in Hongkong ist zusammengebrochen, und plötzlich werden die Leute ganz von selbst konservativer. Statt wieder auf das nächste große Ereignis zu warten, fangen sie an, sich zu besinnen.

Wollten auch Sie deshalb zurück zu Ihren eigenen Anfängen? Es gibt einen kleinen Jungen am Ende des Films ...

nein, das ist nicht meine eigene Geschichte, nicht so direkt. Der Film beginnt 1962, als ich nach Hongkong kam, und er endet 1966. Das war ein Wendepunkt in der Stadtgeschichte. Die meisten der Emigranten, die 1949 aus China nach Hongkong geflohen waren, wollten ja nicht ewig bleiben. Sie lebten wie im Transit, fünfzehn Jahre lang. In der Zeit modernisierten die Shanghai-Chinesen, immer schon sehr sophisticated, die damals ziemlich primitive Stadt, bauten Häuser, Fabriken, Geschäfte. Ein ruhiger Traum war das: Sie schufen Shanghai in Hongkong. Aber nach der Kulturrevolution, 1966, mussten die Leute aufwachen. Hongkong war nicht sicher vor diesem instabilen China. Und weil sie nicht zurück konnten, aber meist auch nicht genug Geld hatten, um anderswo anzufangen, merkten die Exilanten, hier würden sie immer leben. Erst da wurden sie sich als Bürger Hongkongs ihrer selbst bewusst.

Aber Ihr Filmheld verlässt die Stadt.

Ja, Tony lebte wie im Exil, er geht in andere Länder Südostasiens. Maggie bleibt mit ihrem Kind allein, sie lebt selbständig als Geschäftsfrau ...

und doch, für die große Liebesgeschichte ein sehr trauriges Ende.

Finden Sie? Das ist doch eher optimistisch. Beide haben etwas gelernt, sie sind vollständiger, stärker, sie haben ihr eigenes Leben.

Einsamkeit ist ein Axiom in Ihren Filmen. Kann man Einsamkeit überwinden?

Als ich mit meinen Eltern nach Hongkong kam, blieben meine Geschwister in China. Bis heute. Als Kind war ich allein oder mit meiner Mutter zusammen. Einsamkeit ist mir sehr vertraut, ich halte sie nicht für ein Problem. Ich mag Menschen, aber ich weiß nicht, wie ich ihnen sehr nahe kommen kann. Ich weiß auch nicht, wie ich mich auf einer Party mit vielen Menschen verhalten soll. Das ist mein Charakter.

"In the Mood for Love" spielt im alten Shanghai und wurde in Bangkok gedreht. Warum nicht in Hongkong - oder in China? Gab es Probleme mit der Zensur?

In Hongkong selbst haben wir bis heute damit keinerlei Problem. Nur, da hätten wir nicht drehen können. Es gibt so alte Häuser und Straßen nicht mehr, wie wir sie für den Film brauchten.

Aber in China.

Wir haben es versucht. In China fürchten sie immer, man wolle als ausländischer Regisseur - und wir werden noch immer wie Ausländer behandelt - nur die schlechte Seite der Gesellschaft zeigen. Erst wollte ich dort "Summer in Beijing" drehen, einen Film über zwei Bürger Hongkongs, die jetzt in Peking leben. Die Zensoren waren schon gegen den Titel. Wir fanden ihn sehr romantisch, aber sie sahen Bezüge zum Tiananmen-Massaker, nur weil ein paar Szenen auf dem Platz gedreht werden sollten. Sie fürchteten einen regimekritischen Film unter dem Deckmantel einer Love Story. Überhaupt sind die Zensoren sehr empfindlich, vor allem bei zeitgenössischen Projekten. Wenn man eine Straßenszene dreht, sagen sie abends: Warum haben Sie hier gedreht, diese andere Straße sieht doch viel besser aus? So etwas kann ich nicht akzeptieren.

Hat denn Ihr fertiger Film "In the Mood for Love" eine Chance im chinesischen Kino?

Mit viel Glück sind wir damit durch die Zensur gekommen. Er kommt jetzt ins Kino, und wegen der bekannten Schauspieler ist es kein ganz kleiner Filmstart.

Wäre Amerika eine reizvolle Alternative für Sie? Würden Sie dort arbeiten wollen, wie John Woo oder Ang Lee?

Ich mag New York sehr. New York ist wie der große Bruder von Shanghai und Hongkong. Ich mag es, wenn viele Menschen aus vielen Ländern an derselben Stelle der Welt leben. Und was das Filmemachen angeht: Ich glaube, es ist egal, wo man einen Film dreht, so lange er uns selbst wahrhaftig erscheint. Das Problem mit Amerika ist eher meine spontane Arbeitsweise. Die ist völlig anders als in Hollywood. Deshalb könnte ich dort derzeit nicht arbeiten.

Noch einmal zurück zur Einsamkeit. Sie tragen immer eine Sonnenbrille, auch jetzt beim Interview. Warum?

Das ist für mich eine Gewohnheit, eine Uniform. Aber nur für die Arbeit.

Die Welt, die man durch eine Sonnenbrille sieht, ist eine dunkle Welt.

Nein, die Sonnenbrille ist nur ein Filter. Die Kontraste bleiben erhalten.

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