Ingeborg- Bachmann-Wettbewerb : Keine Favoriten in Sicht

Zweiter Tag: Kafkareferenzen von Jan Snela, Nervig-Unterkühltes von Isabelle Lehn und gebrochenes Deutsch von Tomer Gardi.

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Der 1980 in München geborene Autor Jan Snela.
Der 1980 in München geborene Autor Jan Snela.Foto: Jens Kalaene/dpa

Wenn man während der sogenannten Tage der deutschsprachigen Literatur nicht in das vom Literaturbetrieb so gern frequentierte Maria-Loreto-Bad zum Schwimmen geht, sondern ins viel größere Strandbad, dem Klagenfurter Volksbad gewissermaßen, macht man eine verblüffende Entdeckung: Die Leute lesen, nicht nur Zeitung, die örtliche „Kleine“, die „Kronen-Zeitung“, sondern auch Bücher, alles analog, auf Papier.

Gleich hinter der „Bierinsel“ gibt es eine Buchausleihe, mit viel Trash, viel Genreliteratur, aber auch mal einem Sibylle-Berg- oder Hans-Lebert-Roman. Und auf dem Weg zu einem der Badesteige sieht man auf jedem zweiten Handtuch Bücher herumliegen, klar, viel Gängiges, „Lustige Taschenbücher“, Graeme Simsions „Rosie-Effekt“, einen Krimi von Jean-Luc Bannalec oder, immerhin, einen Roman von Vea Kaiser.

Ganz klar, das ist eine andere Welt hier, weit weg von der, die ein paar Kilometer östlich existiert, im ORF-Studio beim Bachmann-Wettlesen, wo an diesem schwülwarmen Freitagvormittag fünf weitere Autoren und Autorinnen ihre Texte vortragen. Keiner von ihnen, das dürfte sicher sein, wird eines Tages Bücher von sich auf Badehandtüchern finden, schon gar nicht in großer Zahl, und doch bringen ihre Texte an diesem Tag viel Welt, viel Zeitgemäßes in den hermetischen Bachmann-Wettbewerbsraum.

Ein Text für Pegida findet Hubert Winkels

Nach Jan Snelas eigentlich kaum misszuverstehender, mit Referenzen an Kafka wie noch mehr an  Karl May versehener, auch sprachlich fein nach oben und unten austarierter Satire „Araber und Schakale“ diskutiert die Jury, ob diese „ein Spiel mit Ängsten“ (Hubert Winkels) sei, „ein Text für Pegida“ (abermals Winkels), ob er einer Bedrohung vor dem Fremden Ausdruck gebe. 

Und während Klaus Kastberger darauf antwortet, dass Pegida- oder FPÖ-Anhänger nicht lesen würden, höchstens tausendseitige juristische Bundespräsidentenwahlanfechtungen, geht auf allen Smartphones schon die Nachricht ein, dass die österreichische Bundespräsidentenwahl tatsächlich wiederholt werden muss. Was wiederum die österreichische Autorin Cornelia Travnicek via Twitter dazu verleitet, Mitleid mit Isabelle Lehn zu haben, als diese ihren mitunter nervigen, nervig empfindsamen, dann wieder kühlen Text über die Absurditäten unserer Gegenwart bezüglich Krieg, Kriegsspielen und Prekariat vorträgt: „Gegen eine Höchstgerichtsentscheidung anzulesen, ist aktuell eine schwere Aufgabe für Lehn“. 

Julia Wolf bekommt viel Lob für ihren Text über einen alten Mann

Ja, es ist viel los an diesem Tag. Julia Wolf bekommt viel Lob für ihren Romanauszug über einen alten, verletzten Mann und seine Schwimmbad-, Lebens-, und Ehefraubetrachtungen. Ein Text, der vor 25 Jahren in Klagenfurt gelesen hätte werden können, wie Klaus Kastberger findet, aber auch noch in 25 Jahren gelesen werden kann. Wolf repräsentiert also Oldschoolness und Altbackenheit - und Literatur, die bleibt, die etwas Werkhaftes hat. Hmhmhm. 

Ganz anders als der in Israel geborene Tomer Gardi, der seinen Text beginnt mit dem Satz: „Am Ende diese Flug verlieren ich und meine Mutter unseren Koffern.“ Gardi ist kein Muttersprachler, er schreibt gebrochenes Deutsch, man könnte auch sagen: das Deutsch, das in unserer Gegenwart mehr und mehr gesprochen wird, das der Einwanderer. (Ganz nebenbei: Dass Deutschland und Österreich Einwanderungsländer geworden sind, lässt sich im Strandbad Klagenfurt so gar nicht sehen, alles sehr homogen hier).

Schreibt Gardi eine Kunstsprache? Kanak Sprak, die vierte, fünfte? Ein Text, der die Einwanderungsbedingungen in die Sprache thematisiert? Oder ist das doch fehlgehender Authentizitätsfetischismus? Die Jury analysiert gut, entzieht sich aber eines Urteils über die Qualität des Textes. Sie ist da an diesem Tag mit ihrem Latein gewissermaßen am Ende, und die Frage stellt sich, wie sehr man diesem Latein, der literaturkritischen Grammatik noch über den Weg trauen darf. Zumindest lässt sich auch an diesem zweiten Tag kein echter Favorit auf den Bachmann-Preis ausmachen.

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