Ingrid Caven : Letzte Göttin

02.08.2008 00:00 UhrVon Thomas Lackmann
Caven Foto: ddp
Ingrid Caven 2007 in Berlin - Foto: ddp

Eine Diva der aufgeklärten Sehnsucht, Fleisch geworden. Eine Göttin, die es wissen will: Der Schauspielerin Ingrid Caven zum 70. Geburtstag.

Vielleicht spielt sie die kühle Heldin. Eine Entrückte, die drüber steht. Aber als sie vergangenes Jahr in Berlin auftrat, erwähnte sie im Interview die Angst. Wegen „dieser ganzen Toten in der letzten Zeit“: ihre hochmusikalische, falsch singende Mutter; ihre Schwester, eine Opernsängerin; ihr Regisseur Daniel Schmid; zuletzt ihr Komponist Peer Raben. „Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich das Konzert abgesagt. Man identifiziert sich ja auch. Es ist zuviel Verlust.“ Danach sei es für sie „erst mal aus“, sagt sie. Der Tod ist keine Rolle.

Die Rollen der Ingrid Caven, geborene Schmidt, Tochter eines fünf Instrumente beherrschenden Saarbrücker Tabakwarenhändlers, füllen leicht ein Theaterprogramm.

Sie war kurz Lehrerin in Bayern, dann Fassbinders Schauspielerin auf der Bühne und im Film, seine Muse, zwei Jahre seine Ehefrau, von der er ein Kind wollte. Sie wird seine Pygmalion-Figur, erfindet sich aber selbst, als Sängerin. Bleibt Seelenfreundin; trägt noch seinen Namen im Pass, führt den Krieg um sein Vermächtnis – als Pendant zur Business-Witwe Juliane Lorenz – als Witwe des Herzens. Sie war für „Deep Throat“ die Synchronstimme der Linda Lovelace. Bekennt sich als 68er-Zeitzeugin zur „konkreten Utopie“ radikalerVielstimmigkeit. Wird in Frankreich Kultfigur: die letzte deutsche Diva.

Als die Caven 1993 bei Fackelschein in Jerusalem auftritt, ist sie sehr unsicher. In Paris, wo sie lebt, gilt sie als „die Deutsche“, als Mix von „Eintopf und Sehnsucht“, als zweite Marlene. In Jerusalem singt sie „Memories are made of this“, das Lied von den Essentialien der Erinnerung. Wie in Trance, sagt sie. Ihr ist Geschichte präsent. Als Jean-Jacques Schuhl, ihr Lebenspartner, im Jahr 2000 seinen Roman „Ingrid Caven“ veröffentlicht, steht am Anfang die Flucht der Familie in einem Waggon, der Deportationen gedient hatte. Am Ende eine historische Überblendung: „Sie hat den Krieg, Krankheit, Terrorismus erlebt, all die Freunde, die an der Seuche starben, Gespenster, Phantome, aber gerade hier, jetzt, ist das Wichtigste von der Welt ein kleiner hingehuschter Schritt, ein im Sprechgesang gehaltener Ton, le maquillage, die Schminke, die gut ausgeleuchtete Maske …“

Denken und Fühlen, ohne Sentimentalität: ihr Programm. Unverwechselbar: ihre schräge, nuschelnde, verschleierte Stimme. Das Stakkato. Sie malträtiert und streichelt Worte. Ihre Texter: Fassbinder, Enzensberger, Schuhl. Yves Saint-Laurent schneidert ihre Bühnenroben: eine Diva der aufgeklärten Sehnsucht, Fleisch geworden. Eine Göttin, die es wissen will. Sie singt: „One man, one wife. One love through life. Memories are made of this …“ Sie lebt! Am morgigen Sonntag feiert sie ihren 70. Geburtstag. Thomas Lackmann

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