Kultur : Ins Wasser, marsch!

Andreas Conrad

Probiert ein Dreikäsehoch Großvaters Tropenhelm auf, geht das garantiert schief. Plop - und er sitzt ihm auf der Nase. Versucht er es als Erwachsener erneut, passt der exotische Kopfschutz vielleicht nicht wie angegossen, aber es gibt keinen Nasenstüber. Anders in "Atlantis": Jungforscher Milo, voll wehmütiger Erinnerungen an Opa, greift noch immer gerne zu dessen Helm, und - es macht plop. Säßen wir in einer TV-Show, leuchtete es jetzt rot auf: "Lachen!"

Im Kino geht kein Licht an. Muss es auch nicht. In "Atlantis" werden alle Gags äußerst plakativ serviert. Eine Unsicherheit allerdings lässt sich mit fortschreitender Handlung immer weniger leugnen: Wo sind wir hier eigentlich - vielleicht in "Indiana Jones", "Star Wars" oder "Rapa Nui"? Hat James Bond sich zu Erich von Däniken verirrt oder Woody Allen in die Welt des Terminators? Vertraute Bilder jagen einander, der atlantische Meeresboden ist ein Schutthaufen geklauter Motive. Leider ganz, ohne dass mit ihnen parodistisch gespielt würde.

Entsprechend mäßig originell ist denn auch der Stoff geraten: Verkannter junger Wissenschaftler glaubt an die Existenz von Atlantis, bricht mit einem Haufen verwegener Abenteurer zu einer Expedition in die Tiefen des Meeres auf, findet eine versunkene Stadt voll edler Eingeborener und rettet sie vor seinen rauhen Gesellen. Zum Lohn gibt es eine echt atlantische Prinzessin.

Tricktechnisch ist alles perfekt arrangiert, in teils spektakulären CinemaScope-Bildern. Das erprobte Trio von Produzent Don Hahn und den Regisseuren Kirk Wise und Gary Trousdale hat Zeichentricktechnik und moderne Computeranimation geschickt gemischt und Fantasielandschaften von hohem optischem Reiz geschaffen. Der gewohnte Disney-Zuckerguss wurde zurückhaltend dosiert, stattdessen dominieren Action-Elemente - offenkundig schielte man auf die an Schwarzenegger & Co. geschulte Zielgruppe der Heranwachsenden.

Im Wettstreit an den US-Kinokassen hat Disney mit "Atlantis" dennoch den Kürzeren gezogen - ausgerechnet gegen ein Ungeheuer, das ein Abtrünniger in die Welt gesetzt hat. Es heißt "Shrek" und stammt aus dem Hause Dreamworks, 1994 gegründet von Steven Spielberg, David Geffen und dem Ex-Disney-Mann Jeffrey Katzenberg. Schon am Eröffnungswochenende hatte das Monster mit 42,1 Millionen Dollar den Trickfilm-Rekordhalter "König der Löwen" (40,9 Millionen Dollar) übertrumpft. Anfang Juli waren in den USA bereits weit über 200 Millionen Dollar eingespielt. Ein symptomatischer Erfolg: Alle Versuche sonstiger Konkurrenz, dem Micky-Maus-Konzern nach dessen Erfolg mit "König der Löwen" nachzueifern, sind mehr oder weniger gescheitert. Allein Dreamworks hat sich zum Disney-Schreck gemausert - und dies zu einer Zeit, in der der traditionelle Marktführer mit erheblichen Problemen zu kämpfen hat. Parallel zum US-Sommerstart von "Atlantis" wurde bekannt, dass Disney 4000 Stellen streichen wolle. Besonders der Trickfilm sei betroffen, ebenso der Sektor der Vergnügungsparks, die in "Shrek" gnadenlos verulkt wurden. Inzwischen hat das Unterwasser-Abenteuer "Atlantis" 84 Millionen Dollar eingespielt. Filmwirtschaftlich gesehen heißt das: nicht gerade abgesoffen, doch auch nicht mehr als respektabel.

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