Kultur : Insel des Neuen

Der Hamburger Bahnhof besteht seit zehn Jahren

Nicola Kuhn

Ein Jubiläum gilt es zu feiern, doch in Champagnerlaune waren die drei Herren auf dem Podium des Hamburger Bahnhofs gestern nicht. Eher nüchtern ließen Generaldirektor Peter Klaus Schuster, Museumsleiter Eugen Blume und Peter Raue vom Verein der Freunde der Neuen Nationalgalerie die Zahlen, Fakten, Ausstellungsnamen des vor zehn Jahren gegründeten Museums für Gegenwart Revue passieren. Statt eines Festakts, einer Konferenz über Zukunftsperspektiven, wie das sonst üblich ist, gab es nur eine Drucksache, in der neben einem reichen Bildteil eben jene Zahlen, Fakten, Ausstellungsnamen aufgelistet sind.

Dass die Übergabe des Heftes erst eine Woche nach dem eigentlichen Jubiläum stattfindet, passt zur allgemein unfrohen Stimmung. Nein, feiern wollen sie nicht, dafür seien zehn Jahre als Anlass nicht genug. Statt dessen wird auf die in der Tat erstaunliche Ausstellungsfülle gegenwärtig in den Sälen – von Felix-Gonzalez Torres über „Jenseits des Kinos“ bis zur Atlas Group – verwiesen: Bitteschön, damit zelebriere sich das Haus selbst.

Eine verschenkte Chance - denn der Hamburger Bahnhof ist in Berlin das wichtigste Haus für zeitgenössische Kunst am Platz, allen Unkenrufen aus der Galerieszene zum Trotz. Hier finden sich mit den Sammlungen Marx und Flick die Äquivalente, an denen sich Qualität zu messen hat. Wer das seit Hinzunahme der Rieck-Hallen13 000 Quadratmeter große Kunstareal betritt, findet es eigentlich immer belebt. Mit 2,5 Millionen Besuchern in zehn Jahren ist das Museum eindeutig ein Magnet und beim breiten Publikum längst akzeptiert. In Fachkreisen wird allerdings nach wie vor moniert, dass zu wenig Impulse aus dem Hause für die in Berlin besonders virulente internationale Szene kommen und umgekehrt die Nachbarschaft zu bedeutenden Künstlern sich etwa in frühzeitigen Ankäufen kaum niederschlägt.

Da mag es kaum verwundern, dass mehr als die Ausstellungsplanung für das kommende Jahr – ein Gemeinschaftsprojekt mit der medizinhistorischen Sammlung der Charité zum Thema Schmerz – die Nachricht vom möglichen Bau einer Kunsthalle auf dem benachbarten Bahngelände aufhorchen ließ. Auf dem Terrain hinter dem Hamburger Bahnhof soll in den nächsten fünf bis sechs Jahren ein regelrechter Kunstcampus entstehen, für dessen Entwicklung sich nicht nur die bahneigene Iveco-Immobiliengesellschaft, sondern auch der Regierende Bürgermeister interessiert, der hier Optionen für eine florierende Kulturwirtschaft sieht. Unterstützt wird das Projekt auch vom Hamburger Bahnhof. Schon machte gestern die Rede von einer weiteren Museumsinsel die Runde. Aber das ist Zukunftsmusik und fern einer doch wohl schnöden Realität.

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