Kultur : Instinkt und Macht

Auf der Spur des Nachfolgers: Robert A. Caro über Lyndon B. Johnson und Kennedys Todestag.

von

Man muss den amerikanischen Autor und Journalisten Robert A. Caro wohl als besessen bezeichnen – besessen von einer Person und deren Leben: von Lyndon B. Johnson, dem 36. Präsidenten der USA und Nachfolger von John F. Kennedy nach dessen Ermordung am 22. November 1963 in Dallas. Seitdem er für eine Biografie über den amerikanischen Städteplaner Robert Moses Mitte der siebziger Jahre den Pulitzer-Preis bekommen hatte, schreibt der 1935 in New York City geborene Caro an nichts anderem als einer Johnson-Biografie: „The Years of Lyndon B. Johnson“. Der erste Teil, „The Path of Power“, erschien 1982, inzwischen sitzt Caro an dem fünften und letzten Band.

Caro weiß, dass diese Besessenheit auch als pathologisch ausgelegt werden könnte, ist in dieser Hinsicht aber völlig entspannt. Es ginge nicht darum, sagte er in einem Gespräch mit der „New York Times“, ob er einen Präsidenten nun besonders leiden könne oder nicht: „Ich versuche einfach nur zu erklären, wie politische Macht im Amerika der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts funktioniert, und Johnson ist jemand gewesen, der Macht besser verstand und gebrauchte als jeder andere vor ihm.“

Der vierte Teil dieser Biografie, „The Passage of Power“, ist vor zwei Jahren in den USA veröffentlicht worden. Darin behandelt Caro die Jahre 1959 bis 1964, die KennedyJahre also; die Zeit, in der Johnson Vizepräsident wurde, in die auch die Kubakrise fiel und in der Johnson den kurz nach Kennedys Ermordung 1964 verabschiedeten „Civil Rights Act“ vorbereitet hat – jenes Gesetz, das die Rassentrennung zumindest offiziell abschaffen sollte. Und natürlich widmet Caro einen langen Abschnitt der über 700 Seiten von „The Passage of Power“ auch dem folgenreichen Tag in Dallas.

Nachdem dieser Abschnitt etwas gekürzt 2012 im „New Yorker“ erschienen war, hatte sich der Suhrkamp Verlag die deutschen Rechte daran gesichert. Unter dem Titel „Der Nachfolger. Lyndon B. Johnson und der Tag, an dem John F. Kennedy starb“ ist diese Passage nun pünktlich zum 50. Jahrestag von Kennedys Ermordung in der Edition Suhrkamp digital veröffentlicht worden. In dieser Reihe kommen gedruckt und als E-Book kurze Texte, Manifeste, Reportagen oder thesenstarke Dossiers heraus. Der Biografieabschnitt aus dem monumentalen Johnson-Werk erscheint da geradezu idealtypisch: Auf knapp 60 Seiten bekommt man einen ausgezeichneten Eindruck von Caros Herangehensweisen und Intentionen, von seinen analytischen wie formalen Qualitäten.

„Der Nachfolger“ liest sich wie eine Mischung aus Politreportage und Thriller. Zudem ist der Text ein Lehrstück über Verhaltensweisen im Inneren der Politikzirkel, gemäß der Devise von Caro, primär an der Macht interessiert zu sein und daran, wie sie funktioniert. Fast beiläufig zeichnet er zu Beginn dieses verhängnisvollen 22. November 1963 zunächst das Bild eines eigentlich erledigten Politikers. Von Parteifreunden wird Johnson gemieden, er droht in einen politischen Skandal zu geraten, wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten sind ihm außerdem Reporter des „Life Magazine“ auf den Fersen. Und Johnson selbst ist über die Maßen einsichtig und sagt zu Vertrauten: „Meine Zukunft liegt hinter mir.“ Oder: „Ich bin am Ende.“

Das spiegelt sich auch während der Fahrt durch Dallas, bei der Johnsons Limousine so weit hinter der des Präsidenten fuhr, „dass der Jubel für die Kennedys (....) bereits abklang“, als Johnson kam. „Während Johnson ebenso langsam seinen Weg durch den Canyon nahm, hätte jemand, der sein Leben beobachtete, in dem, was da vor ihm in der Wagenkolonne geschah, (...) einen Vorgeschmack auf das Leben erblicken können, das ihm bevorstand, wenn er Vizepräsident blieb: fünf Jahre im Gefolge eines anderen Mannes, gedemütigt, nahezu unbeachtet, ohne Macht.“

Als jedoch die Schüsse fallen, ändert sich alles. Minutiös und in der Manier eines Reporters schildert Caro, wie Johnson auf dem Boden des Wagens hinter dem von Kennedy kauert, förmlich begraben unter einem Secret-Service- Agenten, der sich schützend auf ihn geworfen hat. Wie er, seine Frau Lady Bird sowie Mitarbeiter und Agenten in einem Behandlungszimmer des Krankenhauses ausharren und hier die Todesnachricht erhalten. Wie Johnson schließlich in der Air Force One eine schnelle Vereidigung in die Wege leitet: im Schlafzimmer der Kennedys. Bei der Zeremonie steht ihm eine wie versteinert wirkende Jackie Kennedy zur Seite, noch immer in dem mit dem Blut ihres Mannes befleckten rosafarbenen Kostüm.

Auch auf diesen nur wenigen Seiten erschließt sich mancher Charakterzug Johnsons. Als Feigling galt er auf dem College, als Hysteriker und Hypochonder; im Zweiten Weltkrieg und nach seinem ersten Herzinfarkt aber blickte er lebensgefährlichen Situationen ruhig und gefasst entgegen. So auch jetzt, da er einerseits in Gefahr schwebt, weil keiner weiß, ob das Attentat nur Kennedy gilt oder ob womöglich die gesamte amerikanische Regierung im Visier ist. Johnson aber muss andererseits als der laut Verfassung genuine Nachfolger handeln, zupacken, Entscheidungen treffen – unter Einbeziehung zum Beispiel des ihm überhaupt nicht wohlgesonnenen Justizministers und Kennedy-Bruders Robert. Oder mit Rücksicht auf Kennedys Witwe.

Diese Rücksicht hat etwas zutiefst Menschliches, so wie Caro es beschreibt. Es ist jedoch eine Rücksicht, die nicht ohne politisches Kalkül ist: Johnson muss sich des Rückhalts der Witwe für die Jahre seiner bis 1968 dauernden Präsidentschaft versichern. Vielleicht lenkt „Der Nachfolger“ – und womöglich dereinst auch die deutsche Übersetzung zumindest eines Bandes von Robert A. Caros Johnson-Biografie – noch einmal einen präziseren Blick auf einen in Deutschland zu Unrecht ziemlich vergessenen US-Präsidenten. Gerrit Bartels

Robert A. Caro:

Der Nachfolger.

Der Tag, an dem John F. Kennedy starb.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Edition Suhrkamp,

Berlin 2013

58 Seiten, 7,99 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar