Kultur : Inszeniert

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Peter von Becker über

Nazis, Germanisten und den „Spiegel“

„In meinem 81. Lebensjahr, fast 60 Jahre, nachdem das Dritte Reich in Pech und Schwefel untergegangen ist, werde ich nun Mitglied der NSDAP. Mit der Mitgliedsnummer 7747334.“ Das sagt Peter Wapnewski, nach der Lektüre des „Spiegels“ dieser Woche. Und der Berliner Emeritus, Literaturwissenschaftler und Gründungsrektor des Wissenschaftskollegs, fügt an: „Das ist ein bisschen peinlich.“ So kann man es, mit einem Anflug von Sarkasmus, wohl sagen. Auch an die Adresse des „Spiegels“.

Das Wochenmagazin und sein Redakteur Johannes Saltzwedel berichten da unterm Titel „Von Goethe zu Hitler“ vorab über ein Mitte Dezember im Berliner Wissenschaftsverlag de Gruyter erscheinendes, über 2000 Seiten dickes „Internationales Germanistenlexikon 1800 – 1950“. In diesem von Christoph König herausgegebenen Opus maximum der Philologenzunft wird auch die – fast durchweg unrühmliche – Rolle deutscher Germanisten zwischen 1933 und 45 beleuchtet. Akribisch, wie es scheint, und vom historischen Interesse her gewiss zu Recht. Die Einzelheiten wird man dann prüfen, wenn das Werk vorliegt.

Mit decouvrierenden Details aber operiert der „Spiegel“ schon jetzt. Da werden aus dem Mammutkompendium auf den ersten beiden von vier Seiten vor allem und allen drei prominente Namen herausgegriffen: Walter Höllerer, Peter Wapnewski und Walter Jens. Der Berliner Schriftsteller und Literaturprofessor Höllerer ist in diesem Jahr gestorben, Jens und Wapnewski sind ebenso wie Höllerer Jahrgang 1922/23 – und im Alter von 18 oder 19 Jahren sollen sie alle angeblich in die NSDAP eingetreten sein: als (damals) minderjährige Schüler und Abiturienten, als Hitlerjungen – im Krieg und unter der Diktatur. Keinem von ihnen wird dabei ein Tat-Vorwurf gemacht, keiner ist damals mit politischen Äußerungen hervorgetreten oder hat beispielsweise jemanden denunziert (was auch Minderjährige taten, oft mit Todesfolge für die Betroffenen). Und: Alle drei, auch Höllerer vor seinem Tod, haben gegenüber den Lexikon-Machern bestritten, von ihrer Mitgliedschaft in der NS-Partei erfahren zu haben. Keiner der Betroffenen hat offenbar je einen Parteiausweis erhalten, und Wapnewski erinnert sich nur, dass sein HJ-Scharführer ihn – kurz vorm Abitur und dem Einzug zur Wehrmacht – für eine Parteimitgliedschaft vorgeschlagen habe. Er könne sich nach über 60 Jahren nicht mehr erinnern, ob er da etwas unterschrieben habe. Und wenn ja: „Dann weiß ich heute, dass ich nicht anständig gehandelt habe.“ Doch auf die Frage, ob er Mitglied der Partei gewesen war, habe er 1945 gegenüber der britischen Besatzungsbehörde subjektiv wahrheitsgemäß „nein“ geantwortet.

Man muss sich das vorstellen: Wapneswski („Auch ich war ein unwissender PG“) ist im Sommer 1943 als kaum 21-jähriger Soldat wegen „Untergrabung der Manneszucht“ und „Wehrkraftzersetzung“ angeklagt worden und dem Todesurteil mit Glück entkommen; 1945 hat er den Krieg als Verwundeter überlebt und möchte endlich studieren. Sogar als Notlüge wäre seine Auskunft auf dem Fragebogen der Briten nur eine mehr als lässliche Sünde gewesen.

Im neuen „Spiegel“ aber stehen Höllerer, Jens und Wapnewski neben einem Hitler-Bild und unter einem Foto der NS-Bücherverbrennungen. Über ihren zum Steckbrief werdenden Konterfeis steht: „Aktenkundig: Literaturwissenschaftler mit NS-Parteinummer“ – als wären sie damals schon Literaturwissenschaftler gewesen. Das ist unangemessen, wirkt insinuativ. Und die Text-Bild-Schere des „Spiegel“-Berichts öffnet sich dann, als habe man – dies nur zum Vergleich – erst Schweinkramfotos abgelichtet und dann irgendwo dazugeschrieben „Solche Bilder wollen wir nie mehr sehen.“

Erst am Ende der so spekulativ aufgemachten beiden Seiten nämlich räumen das Blatt und der Autor Saltzwedel ein, es handle sich hier um „eher ein Randphänomen“ des Themas. Erst auf den folgenden Seiten werden die tatsächlich belasteten Germanisten porträtiert: etwa der ab 1938 für Heinrich Himmlers „Ahnenerbe“ tätige SS-Mann Hans Ernst Schneider, der nach dem Krieg unter dem Namen Hans Schwerte Karriere machte. Und manche andere. Hier aber kommt einer zum anderen, und das historische Erbe zur anstößigen Inszenierung.

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