Inszenierung von Terry Gilliam in der Staatsoper : Braune Teufel

„La damnation de Faust“ als Nazi-Reigen: Die Staatsoper zeigt Terry Gilliams Berlioz-Inszenierung mit Simon Rattle als Dirigent.

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In der deutschen Hölle. Der französische Faust kommt unter die Räder des Faschismus. Foto: Stache/dpa
In der deutschen Hölle. Der französische Faust kommt unter die Räder des Faschismus.Foto: Stache/dpa

Niemand an der Staatsoper kann behaupten, er hätte nicht genau gewusst, was da in den vergangenen Wochen auf deren Probebühnen einstudiert wurde. Dort galt es nicht, sich auf eine künstlerische Reise zu begeben, bei der man erst einmal alle Leinen losmachen muss, um ins Freie zu kommen. Mit Terry Gilliams Inszenierung der im Grunde genommen uninszenierbaren dramatischen Legende „La damnation de Faust“ von Hector Berlioz wurde ein Fertigprodukt eingekauft, das der krisengeschüttelten English National Opera 2011 einen Überraschungserfolg bescherte. Gilliam, dem amerikanischen Mitglied der verblichenen Satiretruppe Monty Python, brachte es weitere Anfragen für Operninszenierungen ein.

Niemand an der Staatsoper kann behaupten, er hätte nicht die gewaltigen Mengen an Braunhemden gesehen, die für den Chor maßgeschneidert wurden, die Kisten mit den Armbinden für eine Hundertschaft, das gewaltige Hakenkreuz, auf das Faust am Ende geschlagen wird. Oder die dunklen Tore, hinter denen Gretchen – die in der französischen Welt Marguerite heißt – in den Gastod geschickt wird, weil sie nach dem Willen des Regisseurs Jüdin ist. Den Schnee, der so trügerisch herabfällt wie in „Schindlers Liste“. Den Leichenberg, von dem Marguerites Seele in den Himmel steigen muss. Jede dieser kalkulierten Zumutungen war Intendant Jürgen Flimm und seinem Team bekannt. Die Frage muss also lauten, warum sie genau diese Produktion dennoch an ihrem Haus zeigen wollen.

Da ist zunächst Simon Rattle zu nennen, der sich am Pult der Staatskapelle wiederholt so wohl gefühlt hat, dass man mit ihm an der Staatsoper eine Zukunft plant. Regelmäßig soll der scheidende Philharmoniker-Chef hier Oper dirigieren, da muss man – siehe Barenboim – auch die Stücke anbieten, der er gerne machen will. „La damnation de Faust“ gehört definitiv dazu, Rattle hat das disparate Werk mit den Philharmonikern bereits in Berlin und Baden-Baden aufgeführt. Und zwei Arien für die Gattin sind auch noch drin. Um es gleich zu sagen: Magdalena Kozena macht ihre Sache als Marguerite einmal mehr erstaunlich gut, obwohl vieles unbequem für ihre Stimme liegt. Aber das Drumherum ist so viel unbequemer, dass das gar nicht mehr auffällt. Denn Fausts Liebchen erträumt sich mit blonder Zopfperücke und Dirndl ein geblähtes Braunhemd zum Mann. Dazu flackern die Kerzen in ihrem siebenarmigen Leuchter, und Marguerites dunkles Haar blitzt unter dem falschen Blond hervor: dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar Sulamith.

Travestie und bitterster Ernst folgen bruchlos aufeinander

Ja, Terry Gilliam hat Paul Celans „Todesfuge“ gelesen. Und er weiß in seiner Faust-Lesart, die den Absturz einer Kulturnation aus den einsamen Egohöhen der Romantik in die kollektive Nazi-Hölle vollzieht, auch immer wieder treffsicher zuzuschlagen. Wenn der Chor sich während der großen studentischen Amen-Fuge komplett ins SA-Glied reiht, dann folgt das sehr genau der Struktur der Musik – und deutet ihr Pathos auf brutalstmögliche Weise. Mephistos Vorrede gibt den Kurs vor: Süffisant wird der Kampf von Faust um Erkenntnis und wohl noch mehr um Gemeinschaft neben „Mein Kampf“ gerückt. Die Mechanik der Collage beherrscht Gilliam seit Monty Pythons seligen Zeiten, als er deren comic-hafte Animationen schuf.

Vieles ist davon auch in den „Faust“ eingesickert, etwa die herangaloppierenden Steckenpferde der gekrönten Häupter Europas, die sich über die Aufteilung einer Torte derart in die Haare bekommen, dass prompt der Erste Weltkrieg losbricht. Per Filmzuspiel spießen Bajonette alles auf, was noch halbwegs kriecht.

Travestie und bitterster Ernst folgen bruchlos aufeinander. Da bleibt sich Gilliam treu, dessen finsteren Film „Brazil“ der Verleih 1985 erst nicht herausbringen wollte, weil die finale Flucht nur eine Fantasie unter der Folter blieb. Von diesem Mann erwartet man kein schmeichelndes Happy End, er selbst verlangt von sich lediglich „a bloody good show“. Sein „Faust“ ist in der Tat äußerst roh, mit gelungenen Showelementen wie der kleinen Wagner-Aufführung unter Nazi-Größen in Berchtesgaden, bei der Faust in die Rolle des Siegfried gedrängt wird – und sich verliebt. Wahrscheinlich in sein neues Selbstbild. Müder schon die olympische Gymnastik mit Riefenstahl-Anleihen, fade schließlich der hilflose und gesanglich verirrte Chorabgang vor der Pause. So was darf in einer teuflisch guten Show einfach nicht passieren. Wer weiß, vielleicht hätte Gilliam seiner aufs britische Publikum zugeschnittenen Nazi-Revue in Berlin doch noch das eine oder andere Element hinzufügen können. Aber der 76-Jährige war nie auf den Proben, er dreht gerade einen Film. Woher sollte er ahnen, dass ausgerechnet die Deutschen seine Produktion sechs Jahre nach der Premiere noch zeigen wollen.

Gilliams aufgewärmter Nazi-Reigen wirkt auf schnodderige Weise verantwortungslos

Nach dem Kanonenschlag, der Mephistos ersten Auftritt begleitet, zuckt die Dame im Nebensitz noch und seufzt: „Wir sind doch Kriegskinder.“ Den Rest des Abends wird sie sich die Augen zuhalten. Was sie hört, ist vor allem eine beherzt aufspielende Staatskapelle. Simon Rattle fühlt sich in der quecksilbrigen Welt von Berlioz ganz zu Hause. Kein Farb- oder Stimmungswechsel ist ihm zu mühsam, und wenn das Ganze dazu noch echte Soundtrack-Qualitäten erkennen lässt, umso besser! Der Chor, nach dem Orchester die zweitwichtigste Partie, reicht an diesen präzisen Enthusiasmus nicht ran. Charles Castronovo singt einen beeindruckend sicheren Faust, dessen Stimme geborgte Männlichkeit eigentlich gar nicht nötig hat. Florian Boesch bewegt sich als Mephisto ausreichend aasig auf der Bühne, bleibt stimmlich aber eher indifferent. Wahrscheinlich steht das dem Teufel auch gar nicht schlecht. Jan Martinik sucht als Brander noch nach Durchschlagskraft.

Augen zu und durch also? Besser genau hingeschaut, was man an der Staatsoper unter einer guten Show versteht. Berlioz kannte keine Grenzen, er führt in Unterwelten und scheut dabei keine Höllenqualen. Von einem deutschen Opernhaus angeboten, wirkt Gilliams aufgewärmter Nazi-Reigen auf schnodderige Weise verantwortungslos. Vielleicht, weil wir uns genauer auskennen mit Teufeln.

Vorstellungen am 1., 4., 9. und 11. Juni.

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