• Integration durch Bildung: "In der Schule ist es schon zu spät" - Cem Özdemir im Gespräch

Kultur : Integration durch Bildung: "In der Schule ist es schon zu spät" - Cem Özdemir im Gespräch

Warum sind ausländische Jugendliche in Deutsc

Cem Özdemir (35) ist innenpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag und Schwabe.

Warum sind ausländische Jugendliche in Deutschland so schlecht ausgebildet? Wird in den Familien kein Wert auf Bildung gelegt?

Wir haben es zum Teil mit Familien zu tun, die aus ländlichen Regionen kommen und für die der Weg in die Stadt bereits einen Sprung durch ein halbes Jahrhundert bedeutet. Die sind nicht vorbereitet auf die Gesellschaft hier. Man hat sie über die Bedeutung von Bildung nicht informiert, auch nicht darüber, dass wir in einer hochkomplexen und nicht in einer Agrargesellschaft leben. Da gibt es große Defizite.

Viele können nicht einmal ausreichend Deutsch. Wir haben jetzt die dritte Generation zum Beispiel von Türken - müssten die nicht langsam die Sprache beherrschen?

Wir haben aber ständig neue Einwanderung. Eine Quelle ist die Familienzusammenführung und die Kinder, die daraus resultieren. Und die hier groß gewordene dritte Generation ist mit Eltern aufgewachsen, die kein Deutsch können. Die Sprache zu Hause ist dann Türkisch, Deutsch dagegen soll nur in der Schule vermittelt werden. Das kann aber nicht funktionieren. In der Schule ist es fast schon zu spät. Wir müssen bei den Eltern stärker ansetzen. Sprachkurse für Eltern sind sehr, sehr wichtig.

Was muss sich noch ändern?

Wir müssen ins Gespräch kommen mit den türkischen und anderen nichtdeutschen Vereinen. Wir müssen dort stärker einfordern: weniger Heimatpolitik, mehr Orientierung auf die Probleme dieser Gesellschaft, mehr Bildungsbewusstsein in den nichtdeutschen Familien. Wir müssen den Ehrgeiz vermitteln: Die Kinder sollen es einmal besser haben. Dieser Ehrgeiz ist ja zum Teil da, aber es fehlt das Wissen darum, wie man das macht. Bei Mädchen gibt es da nochmal ein spezifisches Problem.

Ausländische Mädchen machen aber höhere Bildungsabschlüsse als die Jungs.

Ja, weil es für sie die einzige Möglichkeit ist, sich weiterzuentwickeln und aus der häuslichen Enge zu befreien. Dennoch haben sie es schwerer, das weiß ich aus eigener Anschauung. Sie müssen auch mehr im Haushalt helfen als Jungs. Es sollten deshalb auch in Kindergärten und Schulen die Werte dieser Gesellschaft noch stärker vermittelt werden, und ein Wert ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Ich selbst bin ja gelernter Erzieher und habe früher immer die Jungs in die Küche geschickt und die Mädchen zum Spielen mit Autos und Eisenbahnen. Ergebnis war, dass türkische Jungs am Abtrocknen und Backen Spaß fanden und zu Hause sogar mithelfen wollten.

Manche antworten auf die Frage, was sie werden wollen, "Kellner". Sehen die die Notwendigkeit von Ausbildung nicht?

Der Kenntnisstand ist sehr gering. Viele haben Eltern, die nie zur Schule gegangen sind, weil sie die Chance nicht hatten. Diese Nachteile müssen wir schnellstmöglich überwinden, weil sich sonst ein neues Subproletariat heranbildet.

Die Wirtschaft klagt über Fachkräftemangel. Dieser wird sich noch verstärken. Zugleich liegt hier ein riesiges Potenzial brach. Lässt sich das beziffern?

Ich glaube, das hat noch niemand ausgerechnet. Aber Potenzial wurde auch früher schon verschenkt: Die Ausländer, die in den siebziger Jahren in den Betrieben gearbeitet haben, sind zum Teil noch auf den gleichen Stellen, während die Deutschen vielfach weiterqualifiziert wurden. Bildung ist tatsächlich die große Herausforderung beim Thema Integration. Die Schule ist die größte Quelle von Ängsten und Sorgen. Auch für Deutsche: Viele Eltern deutscher Kinder fürchten, dass die ausländischen Kinder das Niveau senken.

Was schlagen Sie vor?

Im Grunde müssen wir das, was in den Sechzigern für Arbeiterkinder getan wurde, jetzt mit Ausländerkindern machen: ihnen den Weg in die höhere Bildung zu ebnen. Das war ein großes Verdienst sozialdemokratischer Bildungspolitik.

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