Kultur : „Intellektueller Held“

Stimmen zum Literaturnobelpreis für J.M. Coetzee

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Thabo Mbeki, Präsident von Südafrika: Dieser jüngste NobelSieg von J.M. Coetzee reiht sich ein in die großen Ehren, die unseren Landsleuten zuteil wurden. Im Namen der südafrikanischen Nation und des afrikanischen Kontinents begrüßen wir unseren Literaturnobelpreisträger und genießen mit ihm den Ruhm, der mit dieser Anerkennung einhergeht.

Nelson Mandela, Ex-Präsident von Südafrika und Friedensnobelpreisträger: Für ein kleines Land hier am südlichen Ende Afrikas ist es in der Tat eine bemerkenswerte Leistung, zwei Literatur-Nobelpreisträger hervorgebracht zu haben. Coetzees Porträtieren von Gewalt und Verwerfungen durch Kolonialismus und Apartheid haben ihn in der Geschichte unseres Landes zu einem intellektuellen Helden gemacht.

Nadine Gordimer, südafrikanische Schriftstellerin, Literatur-Nobelpreisträgerin 1991: Ich bin begeistert, er ist ein guter Freund und ein großer Schriftsteller. Es ist großartig, ich war 1991 die erste und er ist nun der zweite – es ist bedeutsam für Südafrika.

Smuts Ngonyama, Sprecher der Regierungspartei von Südafrika, ANC: Der ANC hofft, dass die Anerkennung, die südafrikanischen Autoren wie J. M. Coetzee und Nadine Gordimer zuteil geworden ist, jungen Schriftstellern in diesem Land und auf dem afrikanischen Kontinent als Inspirationsquelle dienen werde. Wir hoffen, dass Leser und Verleger künftig verstärkt das ungenutzte Potenzial des afrikanischen Kontinents anzapfen.

Christina Weiss, Kulturstaatsministerin und Literaturwissenschaftlerin: Ich schätze den neuen Literatur-Nobelpreisträger J. M. Coetzee als politisch hellsichtigen Skeptiker, gnadenlosen Moralisten und kühnen Erzähler. In einer oft kargen und zugleich poetisch konzentrierten Sprache entlarvt er die Zwänge und Deformationen einer von Rassismus und sozialer Ungleichheit gezeichneten Gesellschaft. Die innere Zerrissenheit seiner Helden spiegelt den Zustand einer mitleidlosen Welt. Dabei ringt der Autor bei aller Distanz zu seinen Figuren und deren Schicksal letztlich um Mitmenschlichkeit und Wahrhaftigkeit.

Monika Schoeller, Verlagschefin S. Fischer: Ich habe Coetzee noch gar nicht kennen gelernt. Er reist sehr selten. Ich warte noch auf die Begegnung. Coetzee ist ein Mann, der sich sehr verbirgt, er schützt sich verständlicher Weise vor den Medien. Er ist ein sehr scheuer und sensibler Mann, der alle seine Energie auf das Schreiben richtet – und auch auf das Lehren von Literatur. Coetzee ist ein sehr gelehrter Autor, im Sinne einer außerordentlichen Kenntnis der Weltliteratur. Er ist der Autor, an den ich immer gedacht habe, schon seit Jahren, der es wirklich verdienen würde, diesen Preis zu bekommen. Ich glaube, man kann durch sein Werk die weiten Schneisen der Geschichte sehen, was Geschichte auslöst – diese Kettenreaktionen.

Hellmuth Karasek, Literaturkritiker: Coetzees Roman „Schande“ ist die komplexeste und wahrhaftigste Darstellung der Apartheid- und Nach-Apartheid-Zeit in Afrika, die ich kenne. Er macht es sich nicht so einfach, Gut und Böse ohne historischen Sinn zu bestimmen.

Wilhelm Genazino, Schriftsteller: Es ist nicht einfach, die Wahrheit der „Schande“ auszuhalten. Der Autor, der solche Wahrheit ans Licht heben kann, verdient den Nobelpreis. Coetzee ist starker Tobak, aber guter Tobak. Der Roman „Schande“ macht deutlich, wie kompliziert unsere Verhältnisse in Wahrheit sind, in Südafrika und anderswo. Man braucht Kraft, um solche Einsichten niederzuschreiben. Coetzee hat diese Kraft, und man muss ihn dafür bewundern.

Kurt Scheel, Herausgeber des „Merkur“: Schreckliche Geschichten gibt es viele, manchmal denke ich: zu viele. Und traurig bin ich selbst genug – warum sollte ich mir da auch noch diese Schreckensromane und Depressionsfilme antun? Irgendwie hat es sich trotzdem ergeben, dass ich Coetzee gelesen habe, und er erzählt sehr schreckliche Geschichten. Aber Coetzee erzählt seine schrecklichen Geschichten so, dass man ihnen standhält, dass man ruhig, gefasst hinsehen kann. Wie er das macht? Es hat wohl zu tun mit dem Ernst, der Wahrhaftigkeit, der unnachsichtigen Freundlichkeit seines Erzählens: Es ist kein apokalyptischer Triumph dabei über den Zustand der Schöpfung – so sind wir, sagt er leise, schau hin, und fast entsteht so etwas wie ein trauriger Trost. Tsp (mit dpa)

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