• Internationales Literaturfestival in Berlin : Dieses Jahr gibt es Games - und andere Fantasiewelten

Internationales Literaturfestival in Berlin : Dieses Jahr gibt es Games - und andere Fantasiewelten

Am morgigen Mittwoch eröffnet das Internationale Literaturfestival Berlin, kurz: ilb. Ein Schwerpunkt sind Computerspiele, von Schrifststellern ersonnen. Aber es geht auch um "Europa und die neue Welt-Unordnung" und um "Kulturen des Vertrauens". Ein Programmüberblick

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Indische Wurzeln. Die Schriftstellerin Jhumpa Lahiri stellt in Berlin ihren Roman „Das Tiefland“ vor, am 10.9. um 21 Uhr im Haus der Berliner Festspiele.
Indische Wurzeln. Die Schriftstellerin Jhumpa Lahiri stellt in Berlin ihren Roman „Das Tiefland“ vor, am 10.9. um 21 Uhr im Haus...Foto: Marco Delogu/Rowohlt

Was, könnte man fragen, haben Computerspiele eigentlich bei einem Literaturfestival verloren? Reicht es nicht, dass sich gelangweilte Literaturwissenschaftler seit Jahren von ihrer eigentlichen Materie ablenken lassen und mit Games beschäftigen? Ist es nicht ein Privileg literarischen Schreibens, dass es sich um Surroundsound, dreidimensionale Effekte und sonstige Gimmicks nicht scheren muss, weil ihm im besten Fall etwas Multidimensionales gelingt, an das keine noch so ausgefeilte Software heranreicht? Und glaubt einer im Ernst, dass auch nur eine der Prosafiktionen, die sich Schriftsteller aus aller Welt unter dem Motto „New Level“ für das Internationale Literaturfestival Berlin (ilb, 10. - 20. September) ausgedacht haben, jemals digitale Gestalt annehmen wird?

Auch in der Neuköllner Sehitlik-Moschee finden Veranstaltungen des ilb statt

Das ilb, das an seinem Hauptspielort, dem Haus der Berliner Festspiele, am Mittwoch um 18 Uhr mit einer Rede des Inders Pankaj Mishra über „Europa und die neue Welt-Unordnung“ eröffnet wird, hat das Zeug dazu, alle Einwände zu zerstreuen. Denn erstens ist der Schwerpunkt Computerspiele nur einer von mehreren. Mit der Reihe „Kulturen des Vertrauens“, die Religion, Alltag, Politik und Literatur zusammendenkt und dabei auch in die Kirchen der Stadt sowie die Neuköllner Sehitlik-Moschee ausschwärmt, ist etwas ebenso Zeitgemäßes entstanden. Sie präsentiert unter anderem den aus der Dominikanischen Republik stammenden US-Amerikaner Junot Díaz und den Koreaner Hwang Sok-Yong.

Zweitens werden alle bewährten Sparten wie die Internationale Kinder- und Jugendliteratur, die Retrospektiv-Lesungen (dieses Jahr zu den 100. Geburtstagen von Julio Cortázar und Octavio Paz) und vor allem die alle Kontinente berücksichtigenden Literaturen der Welt fortgesetzt. Neben Buchpremieren, etwa von Jhumpa Lahiris Roman „Das Tiefland“ oder Tao Lins „Taipeh“, die ihren ganz eigenen Performance-Charakter entfalten dürften, gehört der Blick auf die benachbarten Künste seit jeher zu den multimedialen Ansprüchen des ilb. Neben einem Graphic Novel Day gibt es eine Hommage an den in den USA gerade gefeierten Ungarn László Krasznahorkai, der sich von dem Maler Max Neumann, der Komponistin Thuon Burtevitz und dem Dichter Joachim Sartorius zum 60. Geburtstag gratulieren lässt, und Ádám Bodors Lesung aus „Die Vögel von Verhovina“ wird mit Filmausschnitten ergänzt.

Computerspiele, sagen Experten, sind das neue audiovisuelle Leitmedium unserer Epoche

Drittens aber geht es völlig an der Geschichte literarischen Schreibens vorbei, ihm eine mediale Keuschheit abzuverlangen, die es nie besaß. Die Anthologie „New Level“, der unsere nebenstehenden Textproben entstammen, enthält ein 30-seitiges Gespräch mit Gundolf S. Freyermuth, das den Stand des neuen Fachs der Game Studies mustergültig festhält – ohne den blinden Affirmationsgeist, der die Erforschung technologischer Neuerungen ebenso oft prägt wie deren grundsätzliche Ablehnung.

Freyermuth, Medienwissenschaftler an der Internationalen Filmschule Köln, betrachtet Games als das audiovisuelle Leitmedium unserer Epoche. Es übt die User, sagt er, in die digitale Kultur ein, wie der Film einst die Zuschauer in die Industriekultur einübte – mit uns heute selbstverständlich anmutenden Folgen für literarisches Erzählen.

Gut aber, dass es bei der wechselseitigen Adaption auch Grenzen gibt. Audiovisuelles Erzählen laboriert seit seinen Anfängen daran, Ort und Zeit nicht von einem auf den anderen Satz manipulieren zu können. Wo sollte man über derlei besser nachdenken können als bei einem Literaturfestival?
Ausführliche Infos unter www.literaturfestival.com

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