Internet : Gigabytes statt Gutenberg

Heute heißen unsere Nachschlagewerke Google und Wikipedia, selbst der gute alte Brockhaus ist längst online gegangen. Schöne neue Wissenswelt: Wie das Internet den Prozess der Erkenntnis verändert.

Caroline Fetscher

Früher pilgerten wir zu Bibliotheken und Archiven, den Lagerstätten für Wissenswertes. In Sälen und Hallen, still wie Kirchen, raschelten die Seiten, es roch nach Papier, man beugte sich über gebundene Konvolute oder lose Dokumente und kramte in alphabetisch sortierten Zettelkästen, sogenannten Katalogen. Seit Gutenberg den Druck der Lettern erfand, gibt es Bücher, und je mehr es gab, desto häufiger wurden sie gesammelt und sortiert.

Heute heißen unsere Nachschlagewerke Google und Wikipedia, selbst der gute alte Brockhaus ist längst online gegangen. Vollends vorbei ist die Ära der traditionellen Informationshäfen aber dennoch nicht und wird es vermutlich nie ganz sein. Doch der Zugriff auf unermesslich große Datenmengen im weltweiten, digitalen Datennetz beeinflusst das Verhalten von Lernenden und Forschenden mehr als jede andere technische Umwälzung. Uralte Dokumente oder neueste Forschungsergebnisse schweben nach wenigen Klicks auf die Bildschirme in Arbeitszimmern, Labors und Instituten an jedem erdenklichen Winkel der Welt.

Seit einer Woche zum Beispiel ist der gesamte, 1600 Jahre alte Codex Sinaiticus, die älteste, erhaltene Fassung der Bibel online verfügbar (www.codexsinaiticus.org): vermutlich die einzige noch existierende von fünfzig Kopien des Heiligen Buches, die Kaiser Konstantin von Kopisten anfertigen ließ, nachdem er zum Christentum konvertierte. Hier fügt das Internet zusammen, was Theologen und Forschern in jahrzehntelanger Arbeit nicht gelingen konnte. Denn die in griechischer Sprache auf 360 Tierhäute geschriebenen Originalblätter werden in der Universitätsbibliothek Leipzig aufbewahrt, in der British Library in London, im St. Katharinenkloster auf dem ägyptischen Sinai und in der russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg. Wer alles lesen wollte, musste bisher eine Weltreise machen.

Jetzt kann er sich elektronische Kopien samt Übersetzung nach Hause holen. Auf dem Bildschirm lassen sich Manuskriptseiten mit der Maus verschieben, fast als lägen sie real auf dem Schreibtisch. Von der Aura des Originals allerdings, die Walter Benjamin in seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936) schwinden sah, ist auch bei digital übermittelten Manuskripten nur eine Ahnung übrig.

Zwar ist das Internet bisher nur so intelligent wie seine Benutzer. Was diese nicht suchen, kann es nicht liefern, denn es präsentiert keine Kontexte, es kennt keine semantischen, sinnhaften Zusammenhänge. Das soll sich ändern, in Deutschland etwa durch das Programm „Theseus“. Dafür entwickeln dreißig Forscher aus Wissenschaft und Wirtschaft Technologien, die „den Zugang zu Informationen vereinfachen, Daten zu neuem Wissen vernetzen und die Grundlage für die Entwicklung neuer Dienstleistungen im Internet schaffen“ sollen. So informiert uns die Bundesregierung – im Internet natürlich: (http://theseus-programm.de/was-ist-theseus/default.aspx).

Als Web 3.0 eingeführt, soll diese Technik das Netz zum „Denken“ bringen, auf dass es selbstständig „logische Schlüsse ziehen“ und Inhalte mit erkennen kann; mehr und mehr wird dem Nutzer so simuliert, er habe es bei dem elektronischen Datenlieferanten mit einem intelligenten Gegenüber zu tun.

Dem fortschreitenden Verlust des individuellen Originals steht also auf der Gewinnseite des World Wide Web die schiere Fülle und Vielfalt des reproduzierten Materials gegenüber. Am Horizont scheint die Utopie der nimmer versiegenden Wissensquelle auf, der total vergemeinschafteten Wissenswelt des open access. Potenziell alle haben Zugang zu allem im Netz.

Sucht jemand zum Beispiel nach den zentralen Thesen eines Philosophen oder Historikers, findet er im Internet schon jetzt Daten, Texte, Kommentare, Fußnoten, Debatten, Hausarbeiten, Rezensionen, Essays, Diskussionsforen, Bibliografien.Denn Stadtarchive und Museen digitalisieren zunehmend ihre Daten. Soziologen oder Ozeanografen, Linguisten, Meteorologen, Kriminologen, Kunsthistoriker oder Käferforscher informieren im Netz über ihre Arbeit. „Alles“ ist da und liegt bereit. Trotzdem sieht es derzeit so aus, als bleibe der freie Sturm auf das Wissen aus, der die Analogie des World Wide Web zum „Wild Wild West“ hervorbrachte. Denn was den einen Utopie, ist den anderen eine Katastrophe.

„Let All Knowledge Be Free That Wants to be Free“: Freien Zugang für freiwillig freigegebenes Wissen fordern auf der einen Seite Wissenschaftler wie Stevan Harnad am „Canada Research Chair in Cognitive Sciences“ der Universität Quebec. Wo Steuerzahler für Lehre und Forschung aufkommen, da sollten sie auch kostenlosen Zugang zu den von ihnen finanzierten Ergebnissen erhalten, argumentiert Harnad. Nur wenige Institutionen könnten es sich leisten, Dauerabonnements all der virtuellen Fachzeitschriften zu halten. Weltweit sind kaum fünf Prozent der Fachjournale ohne Copyrighteinschränkung verfügbar, moniert auch das „American Scientists Open Access Forum“, eine rege Bewegung der Apologeten für uneingeschränkten, wissenschaftlichen Netzzugang (http://amsci-forum.amsci.org/archives/American-Scientist-Open-Access-Forum.html).

Denn Forscher und Universitäten fürchten, dass Wissensfrüchte ohne Preis ihren Wert verlieren und Einnahmequellen versiegen, wenn Wissensquellen gratis sprudeln. So wird bisher dafür gesorgt, dass auch die virtuellen Paläste des Wissens hierarchische Bauten mit zahlreichen Zugangsbarrieren zu geistigem Eigentum bleiben, vom Titel über das Exzerpt und die Rezension bis zur full text version, die bei Fachjournalen gut und gern zwanzig, dreißig oder mehr Dollar kosten kann.

Wollen Mediziner aktuelle Studien über Lasereingriffe am Auge einsehen, versorgen sie sich online. Material solcher Art wird von Einzelnutzern online, per Kreditkarte, bezahlt. Auf www.pubmed.gov zum Beispiel, wo die National Library of Medicine der Vereinigten Staaten mehr als 18 Millionen Titel aus Fachmagazinen und Fachjournalen bereithält. Wer den vollständigen Artikel bestellen will, erhält ein loansome Doc account – das Wortspiel nutzt die Klanggleichheit von „einsam“ (lonely) und „Kredit“ (loan).

Das Stichwort Einsamkeit deutet auf ein weiteres Defizit des Netzes. Denn wie verändert es die Nutzer, wenn ihnen ein virtueller Megakontinent aus Daten zur Verfügung steht und sie mehr Lebenszeit vor dem Bildschirm verbringen als in der Auseinandersetzung mit Kollegen, Studenten, Patienten? Den Umfang und das Ausmaß dieser Entwicklung kann noch niemand voraussagen. Nicht nur, weil, wie der Soziologe Niklas Luhmann konstatiert, auch Zeitgenossen aufgeklärter Gesellschaften sich nie selber analytisch nah genug kommen und nie genug Distanz zu sich haben, um Text und Kontext, Mythen und Lügen der eigenen Lebenswelt vollends zu erfassen.

Klar ist aber auch: Vom Austausch, vom Miteinandersprechen wird keine Technik die Forscher, Praktiker und Kliniker jemals suspendieren können. Was Individuen ausmacht, wie physische und psychische Befindlichkeiten zusammenspielen und Symptome auslösen oder wieder zum Verschwinden bringen – bei diesen Fragen befinden sich Neurophysiologen, Psychologen, Somatiker und Traumatologen erst am Anfang vom Anfang von Erkenntnisprozessen, die ohne Empathie, Intuition, Reife und Abgrenzung nicht zum Tragen kommen. So hilfreich und faszinierend Technik und Technologie sind, so wunderbar es ist, dass der Graue Star in einer Routineoperation geheilt werden kann – die Hauptsache, der Patient, der bedürftige Mensch, dem doch alle Forschung dient, wird nie im Technischen aufgehen. Wie dem reproduzierten Kunstwerk oder dem Manuskript die Aura, so fehlt dem Forscher bei der elektronischen Wissensvermittlung die Anschauung des Lebendigen, Biografischen, die Praxis, der alle Erfahrung entwächst.

Wenn man bedenkt, wie es weltweit um die Menschenrechte bestellt ist, wird deutlich: Beim Prozess der Zivilisation befindet sich die Menschheit noch im Kindergarten, während sie sich zugleich mit Hightech-Spielsachen ausgestattet hat. Um global die höhere Reife zu erlangen, muss die Weltgemeinschaft sich selber, ihre Individuen und Gesellschaften, besser kennenlernen. Netzwissen kann dabei helfen. Aber für den Zugang zum anderen gibt es keine technische Abkürzung.

Webadressen des worldwide open access movement:

American Scientist Forum

Budapest Open Access Initiative

Berlin Declaration

Self-Archiving FAQ

Bethesda  Statement

Public Access  to Science Act (Sabo Bill, H.R. 2613)

Public  Library of Science

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