Interview mir Iris Berben : In der Komfortküche

Iris Berben spricht mit Tagesspiegel über ihren neuen Film, politischen Widerstandsgeist, das Erbe der Achtundsechziger und Schwarz-Gelb.

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Iris Berben in ihrem neuen Film "Es kommt der Tag". -Foto: Zorro

Frau Berben, Sie spielen in „Es kommt der Tag“ eine Terroristin, die Jahrzehnte später mit ihren Taten von damals konfrontiert wird. Wie lebt man mit einer Schuld?



Um mal mit meiner Filmfigur zu beginnen: Diese Judith hat alles verdrängt. Dieses Verdrängen der Tat, aber nicht der Notwendigkeit einer politischen Haltung – das war für mich der Schlüssel zur Figur. Sie ist eine, die aus ihrer Zeit geprägt ist, und das ist mir nah.

Judith gibt ihre Tochter weg, um in den Untergrund zu gehen. Da denkt man an Ulrike Meinhof, an Gudrun Ensslin, die ihre Kinder verlassen haben. Sie waren 1968 selbst alleinerziehende Mutter: Wie haben Sie damals Meinhofs und Ensslins Haltung beurteilt?

Ich bin keine Ideologin. Aber ich kann nachvollziehen, dass ein politisch denkender Mensch damals das Gefühl hatte, dass man diesen Schritt gehen musste. Ich weiß, dass ich dazu nicht in der Lage gewesen wäre, weil ich eine so innige Bindung zu meinem Kind hatte. Doch begreifen kann ich es. Ich war zum Glück nie in einer Situation, dass ich so eine Entscheidung hätte fällen müssen.

Sie waren damals in Hamburg politisch aktiv, haben gegen Springer demonstriert. Würden Sie heute sagen, dass Sie eine Achtundsechzigerin sind?

Damals ist etwas geweckt worden, das ich in mein Leben einbezogen habe. Das ist mir damals nicht so bewusst gewesen, aber heute bin ich dankbar. Diese Idee des Widerstandes gegen Obrigkeiten, der Neudefinition unseres Landes, der Abgrenzung von Menschen, die mit einer Nazivergangenheit nahtlos in ihren nächsten Alltag reingegangen sind. Keiner bestreitet, dass der Weg nicht der richtige war, den ein Teil der militanten Gruppe gegangen ist. Trotzdem war meine Sympathie bei ihnen.

Selbst als die Gewaltbereitschaft schon erkennbar war?

Selbst als die Gewalt schon stattfand. Ich glaube, damit müssen sich viele Menschen auseinandersetzen, die damals Sympathisanten waren: Was war das? Heute kann man sehr genau definieren, warum man gegen Gewalt ist und warum Gewalt der falsche Weg ist. Trotzdem ist man da eine lange Zeit mitgegangen. Das war das Robin-Hood-Syndrom.

Kürzlich ist erneut Anklage erhoben worden gegen Verena Becker, wegen Beteiligung an der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback. Hört die Geschichte niemals auf?

Schon als im Sommer Karl-Heinz Kurras, der Benno Ohnesorg erschossen hat, mit der Stasi in Verbindung gebracht wurde, hat uns die Aktualität unseres Films ereilt. Es ist eine Bestätigung dafür, dass das Thema noch nicht beendet ist: zum Glück. Es gibt bestimmt viele, die ’68 als gescheitert ansehen, von konservativer Seite ist das ja immer zu hören. Aber das glaube ich überhaupt nicht. Wir profitieren alle von dieser Zeit, die Emanzipation der Frau, ja unser gesamter Demokratiebegriff ist da noch einmal auf eine ganz andere Art eingefordert worden.

Die Achtundsechziger-Debatte, eine vor allem generationsinterne Diskussion, wird sehr aggressiv geführt. Was würden Sie der nächsten Generation vermitteln wollen?

Sie kann sich zumindest dessen bewusst werden, dass unser heutiges Selbstverständnis vor nicht allzu langer Zeit erst erkämpft worden ist. Wir müssen nicht in andere Länder gehen, um zu begreifen, dass das keineswegs selbstverständlich ist.

Die Achtundsechziger sind beruflich angekommen, auch im Leben, Stichwort Toskana-Fraktion. Ihre Filmfigur Judith lebt auf einem malerischen Weingut im Elsass … Kommt Ihnen das manchmal wie ein Verrat an der früheren Radikalität vor?

Ich empfinde das nicht als Verrat. Zugegeben, es gibt Bequemlichkeiten, auch bei mir. Aber es gibt auch immer wieder Momente, in denen man aus seiner Bequemlichkeit aufwacht. Wir bekommen jetzt eine schwarz-gelbe Regierung, der Wind in unserem sozialen Umfeld wird sicherlich härter werden. Jetzt spürt man, warum es wichtig ist, wen du wählst und dass du wählst. Wir müssen aus unserer Komfortküche wieder heraus.


– Das Gespräch führte Christina Tilmann.

Iris Berben, geboren 1950 in Detmold, wurde vor allem als TV-Schauspielerin (u.a. „Rosa Roth“) bekannt. Im Kino spielte sie in „Bin ich schön?“ (1998) und „Buddenbrooks“.

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