Interview mit Dokumentarfilmerin Annekatrin Hendel : "Anderson" - der Stasi-Mann

Mit „Anderson“ hat Annekatrin Hendel einen Film über Sascha Anderson gedreht, den Autor, Verleger und Stasi-Spitzel vom Prenzlauer Berg. Im Interview spricht sie über Neugier, Angst und ihre Jugend in Ost-Berlin.

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Autor,Verleger,Spitzel: Sascha Anderson
Autor,Verleger,Spitzel: Sascha AndersonFoto: Salzgeber

Frau Hendel, Sie haben Ihre bei der Berlinale uraufgeführte Doku im ehemals eigenen Umfeld gedreht, der dissidenten Künstlerszene in Prenzlauer Berg. Ein Vorteil oder ein Nachteil?

Ich war eigentlich nicht Teil der Szene, sondern Zaungast – und zehn Jahre jünger. Aber ich habe Anteil genommen an den Aktivitäten und war interessiert an allem, was nach Untergrund roch und ein bisschen geheim war. Da bin ich auf diese Leute gestoßen. Die Kunst- und Kulturszene in Ost-Berlin war ja sehr gemischt und verwoben. Das heißt nicht, dass jeder überall reingelassen wurde, aber ich war jung und hübsch und hatte da nie ein Problem. So kannte ich die meisten meiner Protagonisten zumindest vom Sehen oder durch ihre Werke.

Und Sascha Anderson?
Sascha habe ich kennengelernt bei der Arbeit für den ersten Teil meiner Trilogie über Verrat, da hatte ich schon mit ihm gedreht. Bei den Recherchen zu „Vaterlandsverräter“ bin ich fast unweigerlich auf ihn gestoßen: Paul Gratzik, mein dortiger Protagonist, und Sascha haben sich als IMs 1981 praktisch den Staffelstab für die Literaturszene übergeben. So hatte ich vor „Vaterlandsverräter“ auch die Anderson-Geschichte schon recherchiert – und die Grundidee für die drei Teile. Sascha Anderson war damals in der DDR schon das, was man einen modernen Manager nennen würde. Es gab viele solcher IMs, die nicht die kleinen Schnüffler im Anorak waren, sondern charismatische Figuren. Auch in der Musikszene waren in den Schlüsselpositionen, so nannte man das im Stasi-Jargon, oft die charismatischsten Leute.

"Anderson"-Regisseurin Annekatrin Hendel.
"Anderson"-Regisseurin Annekatrin Hendel.Foto: Salzgeber

Rührt ihr Interesse am Thema Verrat auch daher, dass Sie selbst von Freunden bespitzelt worden sind?
Ich weiß nur, ich hatte eine Akte, aber gefunden worden ist sie nie. Ich war Mitte zwanzig, als die Wende kam und gehörte nicht zu denen, die vor der Stasi vor Angst erstarrten, hatte aber auch nicht viel zu lachen. Ich hätte in der DDR niemals Filme machen können, ich durfte nicht studieren – und das nicht etwa, weil ich unfähig war. Warum das alles nicht ging, weiß ich nicht, wobei ich mich nicht als Opfer fühle. Ich empfand Stasi und Überwachung als lächerlich, finde es aber nicht lächerlich, heute über Verrat und die Folgen nachzudenken.

Für den Film haben Sie die Wohnküche des Sängers und Menschenversammlers Ekkehard Maaß mit Sofas und echten Künstlertassen nachgebaut. Wie kam’s?
Die Küche war damals Zentrum und auch heute ist sie noch „literarischer Salon“, wie Ekkehard wohl sagen würde, der immer noch darin lebt. Ein Grund für mich war: Wie bringt man jemanden dazu, sich einmal anders zu erinnern, als er es die letzten 25 Jahre getan hat? Mit Sascha konnte ich aber nicht in Maaß’ echter Küche drehen, weil ich die beiden Männer nicht künstlich wieder zusammenzwingen wollte. So entstand die Idee, das Innenleben von Ekkehards Küche eins zu eins im Studio wieder aufzubauen. Außerdem geht es im Film ja auch um Dichtung und Wahrheit im Wortsinn. Da fand ich es reizvoll, in einer Attrappe zu agieren.

Für eine ehemalige Ausstatterin eine Fleißaufgabe ...
... aber auch eine wichtige Erinnerungsarbeit. Dieser Tisch, diese Bänke, da hat sich so viel abgespielt. Es war aber auch ein bedeutsames sinnliches Motiv für mich selbst, dass Anderson an diesem Tisch saß, als noch niemand wusste, dass er für die Stasi arbeitete. Auch 1990 saß er dort, als die Leute von ihm wissen wollten, ob die Gerüchte wahr sind oder nicht. Und jetzt saß er für uns wieder da.

Manche werfen dem Film vor, dass er Sascha Anderson noch einmal eine Bühne bereitet.
Es ist kein biografischer Film, sondern einer darüber, wie wir heute mit Sascha Anderson umgehen. Ich will etwas Komplexes verstehen. Darum geht es ja, dass die einfachen Schwarz-Weiß-Geschichten nicht greifen. Mich interessieren Reibungen und Widersprüche, da werden mir viel mehr Dinge klar, als wenn mir ein Film was erklärt. Der Fall Anderson ist speziell, aber auch eine universelle Geschichte. Der Zuschauer soll aus seiner eigenen Perspektive mit jeweils eigenem biografischem Hintergrund auf etwas gucken können, was es gibt, seit es Menschen gibt und wahrscheinlich immer geben wird: den Verrat.

Das Gespräch führte Silvia Hallensleben.

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