Interview mit Kosslick, Speck, Terhechte : "Da kannst du’s echt krachen lassen"

Stress mit Cannes, Glamour im Friedrichstadtpalast, Momente des Glücks: Die wichtigsten Personen der Berlinale, Dieter Kosslick, Wieland Speck und Christoph Terhechte, im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Kosslick
Christoph Terhechte (links) Wieland Speck, Dieter Kosslick (links). -Foto: Wolff

Kleine Entscheidungsfrage vorweg: Sekt oder Selters?

KOSSLICK: Natürlich Selters, das ist ja unser Sponsor.

SPECK: Sehr viel Sekt ist nicht, dieses Jahr. Aber Sekt ist auch dabei.

TERHECHTE: Ich trinke im Moment überhaupt keinen Alkohol. Also: Selters.

KOSSLICK: Angesichts der Reihe Kulinarisches Kino müsste es eigentlich heißen: britzelndes Wasser von der Champagner-Bratbirne. Das ist die letzte deutsche Birnensorte, die zu einem hervorragenden Champagner verarbeitet wird.

Und im Jahreslauf des Festkomitees: Welcher Augenblick prickelt da am meisten?

KOSSLICK: Der Moment, wenn man im Herbst von seinen Fischzügen zurückkommt. Dann sichtet man gemeinsam, was im Netz alles drin ist. Was für ein Glücksgefühl, wenn dann alle sagen: Ein großartiger Film!

SPECK: Ich hab immer drei Tage vorm Festivalstart so einen Umschlagmoment. Wenn der Stress, der einen die ganze Zeit auslaugte, sich plötzlich positiv nach außen wendet.

TERHECHTE: Der größte Stress für mich ist es immer, mindestens einen deutschen Spielfilm fürs Forum zu finden.

KOSSLICK (lacht): Bei fast hundert Filmen im ganzen Programm ist das bestimmt hart.

TERHECHTE: Wir haben sicher 50 deutsche Spielfilme gesehen. Und nur einen genommen. Als Sebastian Schipper dann zusagte, war ich erleichtert.

Sie reden alle eher über Stress als über Glück. Da traut man sich – Stichwort Selters – kaum noch, nach dem rauschfernsten jährlichen Gefühlstiefpunkt zu fragen.

KOSSLICK: Der Job macht glücklich, keine Frage. Aber nervig ist es, bei der Entscheidung für einen Film immer mitdenken zu müssen, ob auch der Star kommen kann. Ständig muss man vorher 30 Sachen bewegen, und das macht nervös. Manchmal möchte man auf den Tisch hauen und sagen: Verdammt nochmal, Dienstagabend lauft ihr über diesen roten Teppich! Und ihr bringt die drei Hauptdarsteller mit und den Regisseur, wie ihr mir das vor zwei Jahren in Mexiko versprochen habt, nachts um drei in der Disco! Was auch sehr anstrengt: Dass alle am ersten Samstag ihren Film zeigen wollen, am liebsten um 19.30 Uhr. Da könnten wir 400 Filme parallel spielen.

TERHECHTE: Das Problem hat sich auch bei uns verschärft. Inzwischen haben die meisten Filme ihren Sales Agent, und auch die drängen auf das erste Wochenende. Nur: Wenn alle den besten Termin ergattern, ist er für keinen mehr der beste.

KOSSLICK: Wir müssen unsere Termine auch mit den Oscars koordinieren, mit dem britischen Bafta-Filmpreis am ersten Berlinale-Sonntag, mit dem Festival von Rotterdam, das direkt vor uns dran ist. Und kurz vorher funkt uns das Sundance-Festival dazwischen. Auch der Filmmarkt drückt immer mehr. Die ersten Sales Agents sind schon eine Woche vor der Berlinale hier. Das ist wie frühmorgens auf dem Chamisso-Markt in Kreuzberg: Die ersten bekommen die besten Kartoffeln, da ist noch alles frisch.

Kommt man aus dem Dilemma heraus, indem man die Berlinale verschiebt?

KOSSLICK: Das geht nicht. Wenn wir sie vorverlegen, machen wir uns das gute Verhältnis zu den Independents beim Rotterdam-Filmfestival kaputt. Weiter nach hinten können wir nicht gehen, da ist das Oscar-Nominierungslunch, und die Stars müssen in Los Angeles auflaufen. Noch weiter ins Frühjahr geht erst recht nicht, da kommen wir Cannes zu nahe. Nein, wir bleiben, wo wir sind. Und machen das Beste draus.

Ein Problem ist diesmal Gus Van Sants Oscar-nominierter „Milk“: Den wollten Sie in den Wettbewerb einladen. Jetzt kann die Berlinale von Glück sagen, wenn der Regisseur und sein Star Sean Penn nach der Londoner Bafta-Gala einen Abstecher nach Berlin machen. Komisches Gefühl für ein Festival, das breite Schultern haben sollte.

SPECK: Der Film läuft jetzt im Panorama zum 30. als Celebration Presentation, schließlich sind sein Thema und der Regisseur mit uns seit über 25 Jahren verbandelt. Für das offizielle Programm fiel er leider aus, weil er schon in anderen Ländern gestartet ist, der deutsche Verleih konnte das nicht verhindern. Die Sache zeigt aber auch, wie nervös die Wirtschaft ist.

KOSSLICK: Zu recht! Schon wegen der Raubkopierer kann sich kaum einer mehr leisten, einen Film zurückzuhalten, bloß weil die Berlinale drei Monate später anfängt. Und: Viele Filme ab einer bestimmten Größenordnung sind bankenfinanziert. Jeder Tag, den sie nichts im Kino einspielen, kostet Zinsen.

Sprechen wir vom deutschen Film. Neu ist die Gala-Schiene im Friedrichstadtpalast, etwa mit „Effi Briest“, „Hilde“ und „John Rabe“. Das hat was von Zweitliga-Glamour. Wäre es nicht besser gewesen, darauf zu verzichten?

KOSSLICK: Da hätte man auch 150 andere Filme weglassen können. Die Alpen bestehen auch nicht aus einem einzigen Berg. Außerdem ist der Friedrichstadtpalast für uns sehr wichtig, auch in Hinblick auf die ungewisse Zukunft des Zoo-Palasts als Berlinalekino. Da juckt es einen in den Fingern, dort Weltpremieren zu präsentieren – zumal mit so guten Filmen. Die gibt man nicht so einfach weg.

Aber vom Programm her gedacht: Für eine Silhouette braucht man auch herausragende Berge. Verwässert die Gala nicht das Wettbewerbsprogramm?

KOSSLICK: Im Gegenteil: Sie war überfällig. Die Kollegen in Toronto verwandeln ihren ganzen Filmmarkt in ein Festival. Da kannst du’s echt krachen lassen.

TERHECHTE: Die meisten Zwänge, denen wir beim Festivalmachen unterliegen – Weltpremieren, übersichtliches Programm – werden sowieso von den Einkäufern und Journalisten aufgestellt. Dem Publikum ist es egal, ob ein Film eine Weltpremiere ist. Das will ein möglichst breites Programm.

Andererseits hat Ihr Hauptkonkurrent Cannes Ihnen auch diesmal wieder bereits eingeladene Filme abspenstig gemacht.

KOSSLICK: Wir haben einen einzigen sogenannten kleinen Film plötzlich nicht mehr gehabt, wenn ich das mal so freundschaftlich sagen darf.

TERHECHTE: Dahinter stecken oft handfeste wirtschaftliche Interessen. Wenn ein Film zum Beispiel einen französischen Weltvertrieb hat, dem der französische Verleiher eine hohe Garantiesumme zahlt, dann nimmt der sehr gerne das französische Presseecho in Cannes mit. Und startet den Film dann dort direkt nach dem Festival.

SPECK: Die Potenz Frankreichs als Filmland stärkt Cannes ungemein. Manchmal steigt ein französischer Verleiher oder Weltvertrieb ein, wenn unsere Auswahl schon steht. Dann haben die Produzenten oft keine Chance, anders zu handeln.

KOSSLICK: Das verkraften wir.

Wie funktioniert Ihre Zusammenarbeit denn heute als Auswahl-Team? Reisen Sie noch gemeinsam um die Welt?

TERHECHTE: Wir haben uns an verschiedenen Orten getroffen, Wieland und Dieter in Los Angeles, Dieter und ich in New York, Wieland und ich sind gemeinsam durch Asien getourt.

SPECK: Diese enge Zusammenarbeit ist auch sinnvoll. Wenn wir uns nicht ausstehen könnten ...

KOSSLICK: ... dann wäre ich der Direktor.

SPECK: Und wir wären nicht mehr da.

Die Berlinale hat zuletzt stark expandiert. Wo sehen Sie das Festival in fünf Jahren?

TERHECHTE: Dass Filme jetzt global gleichzeitig gestartet werden, ist ein Vorbote dafür, dass sie bald auch elektronisch überall gleichzeitig verfügbar sind. Dadurch werden die Berlinale und Festivals, die sich spezialisieren, als Wegweiser noch wichtiger. Die kleineren Festivals, die nur mal einen roten Teppich ausrollen wollen, werden verschwinden, spätestens in zehn Jahren.

SPECK: Oder sie werden für viele Filme die einzige öffentliche Auswertungskette. Die haben nur noch die Festivals als Gemeinschafterlebnis.

KOSSLICK: Bald wird man sich fragen, was bringt der roten Teppich gegenüber einer via Satellit auf 22 Millionen Flachbildschirme ausgestrahlten Weltpremiere? Schon als ich vor acht Jahren hier anfing, dachte ich, wir sind hier auf der Titanic. Heute fahren wir immer noch auf der Titanic. Die Berlinale wird auch in Zukunft für die pralle Leinwand zuständig sein und nicht für den kleinen Schirm. Diese Kinolust wollen wir schüren.

Wo sehen Sie sich selber in fünf Jahren?

SPECK: Keine Ahnung, wo ich in fünf Jahren bin.

TERHECHTE: Ich mache für mich keine Fünfjahrespläne.

KOSSLICK: Ich weiß das genau. 2013 ist mein Vertrag zu Ende, und dann werde ich mich vom Film erholen, vielleicht in einer anthroposophischen Ferienanlage.

Das Gespräch führten Christina

Tilmann und Jan Schulz-Ojala.

DIETER KOSSLICK (60), WIELAND SPECK (57) und CHRISTOPH

TERHECHTE (47) verantworten seit 2001 die drei wichtigsten Sektionen der Berlinale: Wettbewerb, Panorama und Forum.

Festivalchef Kosslick, geboren in Pforzheim, war nach seinem Studium in München zunächst Redenschreiber beim Hamburger Bürgermeister Klose sowie Filmförderer in Hamburg und später neun Jahre lang in Nordrhein-Westfalen, bevor er 2001 zur Berlinale berufen wurde.

Wieland Speck arbeitet seit 27 Jahren beim

ursprünglich Info-Schau genannten Panorama, seit 1992 ist er dessen Programmleiter.

Christoph Terhechte

arbeitete zunächst

als Filmkritiker bei der „taz“ und beim Berliner Stadtmagazin „tip“. 2001 löste er

Ulrich Gregor als Leiter des Forums ab.

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