• Interview mit Kulturstaatssekretär Tim Renner: „Wir brauchen Neuanfänge, keine Kopien“

Interview mit Kulturstaatssekretär Tim Renner : „Wir brauchen Neuanfänge, keine Kopien“

Zeit für eine Bilanz: Was hat Tim Renner geschafft, wie sieht er die Berliner Kultur in der Zukunft, wo liegen die Probleme? Ein Gespräch mit dem Kulturstaatssekretär, der vor zwei Jahren aus der Musikindustrie in die Politik wechselte.

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Das Amt und das Zimmer. Alexander von Humboldt (im Hintergrund) trägt Schlips, Tim Renner eher selten. Seit dem 28. April 2014 ist der 51-Jährige Kulturstaatssekretär Berlins mit Sitz in der Brunnenstraße.
Das Amt und das Zimmer. Alexander von Humboldt (im Hintergrund) trägt Schlips, Tim Renner eher selten. Seit dem 28. April 2014 ist...Foto: Thilo Rückeis TSP

Herr Renner, Sie sind jetzt zwei Jahre im Amt, die Legislaturperiode geht zu Ende, im September wird in Berlin gewählt. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Wir haben in der kurzen Zeit viel erreicht, einiges gesichert und so manches verändert, auch wenn vor uns noch ein Berg an Arbeit liegt. Kulturstaatssekretär ist ein spannendes Amt mit viel Gestaltungsmöglichkeit. Bereut habe ich die letzten zwei Jahre dennoch regelmäßig...

Das war nicht die Frage. Aber was haben Sie denn bereut?
Morgens wenn der Wecker um halb sieben schellt, damit ich um acht Uhr im Berliner Rathaus bei Michael Müller bin, denke ich neidisch an die anderen in der Kulturszene, die um diese Zeit natürlich noch selig schlafen. Die sieht man dann abends hellwach im Theater oder bei allen möglichen Veranstaltungen, während man selbst gegen die aufkommende Müdigkeit kämpft …

Sie wollten Bilanz ziehen ...
Ich möchte zuerst die erwähnen, ohne die ich nicht Bilanz ziehen kann. Die Kulturverwaltung entpuppte sich für mich als Überraschung; sie ist hervorragend, wenig bürokratisch. Die Mitarbeiter sind fachlich sehr gut und emotional engagiert. Wir machen keinen Straßenbau, sondern betreuen Emotionen. Das färbt ab. Als Team haben wir erst mal für die nötigen Ressourcen gesorgt. Der Kulturhaushalt für das kommende Jahr wurde um 11 Prozent erhöht.

Das war ja wohl nicht so schwierig, Sie haben die Unterstützung von Michael Müller.
Es ist schon seit über neun Jahren so, dass der Regierende Bürgermeister auch das Amt des Kultursenators innehat. Aber weder Klaus Wowereit noch Michael Müller hätten je ihr Amt missbraucht und die Kultur im Hauptausschuss durchgepaukt. Ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Können Sie die Unterschiede von Müller und Wowereit beschreiben, sofern es um die Arbeit im Kulturressort geht?
Beide sind sehr kulturinteressiert. Müller hat sich schnell hineingefunden und hatte im Übrigen in seinen Funktionen als Fraktionsvorsitzender und Stadtentwicklungssenator vielfältige Anknüpfungspunkte. Wowereit war schon lange in dem Thema drin, als ich kam. Für die Kollegen in der Kulturverwaltung war das sportlich – erst den Renner einarbeiten, dann den Müller…

Was war Ihre größte Herausforderung?
Bei uns kommen mit großer Kraft die positiven und negativen Auswirkungen der Globalisierung an. Auch und gerade in der Kultur. Unsere Stadt ist nun ein globaler Sehnsuchtsort. In New York, Paris oder London werden die Kreativen, die Künstler verdrängt. Diese Menschen kommen nach Berlin, weil das Leben hier noch erschwinglich ist und so attraktiv. Das ist eine riesige Chance. Mit ihnen müssen wir die Zukunft neu denken und der neuen Rolle als Melting Pot Europas gerecht werden. Angelockt hat sie laut Untersuchungen vor allem die Kultur.

Dieser Wandel betrifft erst einmal den Wohnungsmarkt, hier wird es auch teurer, es betrifft den Verkehr, den Arbeitsmarkt. Was bedeutet es für die Kultur in Berlin?
Wir erleben eine zunehmende Internationalisierung. Es liegt ein anderer Anspruch auf unserer Kultur. Der Rest der Welt schaut staunend auf Berlin und hofft und erwartet, dass dieses große Experiment gelingt. Nehmen Sie das Maxim Gorki Theater mit Shermin Langhoff oder die Komische Oper mit Barrie Kosky. Da spielt nicht mehr die klassische Hochkultur. Dort öffnen sich die Ensembles und die Erzählweise, so wie wir es aus dem Pop und Rock kennen. Viele Menschen aus unterschiedlichsten Gegenden der Welt identifizieren sich damit.

Klassische Hochkultur – die gibt es doch gar nicht mehr.
Es gibt sie schon noch, aber sie öffnet sich immer mehr. Aber nicht alles überzeugt. Als Hochkultur verstehen manche auch heute noch das perpetuierte Theater der 70er und 80er Jahre. Wenn zum Beispiel in einer „Woyzeck“-Aufführung plötzlich und unvermittelt „Smoke on the Water“ aus scheppernden Lautsprechern kommt, ist das keine Verbindung von unterschiedlichen Kulturen, sondern ein missverstandener, uralter Zadek-Effekt.

Sie kommen aus der Privatwirtschaft, der Musikindustrie: Wie viel Politik und Regulierung braucht die Kultur?
Kulturpolitik muss Orte schaffen und erhalten. Es geht um den Erhalt von Freiräumen und Möglichkeiten. Sie stellt Etats zur Verfügung. Sie übt Einfluss aus durch Personalpolitik, durch die Besetzung von Leitungsposten. Da darf man in einer Stadt, die sich derart bewegt und verändert, die Kontroverse nicht scheuen.

Sie haben arg unterschätzt, wie stark der Krach um das Ende der Ära Castorf an der Volksbühne ausfallen würde, wie sehr gestritten wurde um die Berufung von Chris Dercon zum Nachfolger von Castorf.
Mich hat nicht die Intensität, aber der Zeitpunkt überrascht. Als wir Castorfs Vertrag nochmals um ein Jahr verlängerten, dachte ich, jetzt bricht es über uns herein. Nichts geschah. Dann tauchte dummerweise der Name Dercon gerüchteweise auf und es wurde scharf geschossen – allerdings von Claus Peymann, nicht von Castorf. Und ich habe den Fehler gemacht, die latente Angst vor Veränderung in der Theaterszene zu unterschätzen.

Im Moment ist es in der Angelegenheit ruhig. Die Ruhe vor dem letzten Sturm?
Es hält sich lediglich das Gerücht, der Wechsel koste fünf Millionen Euro. Das ist Unsinn. Für den Abschied von Castorf und die Vorbereitung von Dercon stehen über vier Jahre 2,3 Millionen Euro zur Verfügung.

Auch das ist keine kleine Summe – und ein Novum.
Das halte ich bei einer grandiosen Figur wie Frank Castorf für gerechtfertigt. Ein Jahrhundertregisseur für diese Stadt! Da kann es auch nur einen radikalen Neuanfang geben, keine Kopie.

Oder man ließe Castorf bis zur nächsten Eiszeit an der Volksbühne.
Die Volksbühne kommt aus 25 Jahren Kontinuität. Selbst der tollste Typ kann sich und das Haus nicht ewig erneuern, und Frank Castorf ist ein absolut außergewöhnlicher Typ, auch als Intendant.

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