Interview mit Maryanne Redpath : Wie kompliziert dürfen Kinderfilme sein?

Auf Augenhöhe erzählen, aber nicht ins Niedliche verfallen: Maryanne Redpath leitet seit sechs Jahren die Kinderfilmsektion der Berlinale. Im Interview erklärt sie ihr Konzept des anspruchsvollen Kinderkinos - und warum die Deutschen nicht kindgerecht drehen.

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K-plus-Leiterin Maryanne Redpath Foto: Thilo Rückeis
K-plus-Leiterin Maryanne RedpathFoto: Thilo Rückeis

Frau Redpath, 60 Kurz- und Spielfilme wurden dieses Jahr aus 1600 Einreichungen für Generation ausgewählt. Immer wieder gibt es Kritik, manche Filme seien für Kinder zu hart.

Wenn Erwachsene sagen, das kann man Kindern doch nicht zeigen, dann projizieren sie meines Erachtens oft die eigenen Reaktionen und Ängste auf ihr Kind. Ich frage dann bei den Kindern nach. In den meisten Fällen sagen sie: Ich konnte gut verstehen, was im Film passiert, komm, Mama oder Papa, reden wir darüber. Kinder sind so verschieden wie Erwachsene, manche reagieren sensibel, andere gruseln sich gerne und lieben Geisterfilme aus Thailand.

Aber anders als wir können kleine Kinder Fantasie und Wirklichkeit nicht so klar unterscheiden.
Wir machen für die K-plus-Filme präzise Altersangaben, für die wir uns von Filmpädagogen beraten lassen. Und wir bitten die Eltern, die Empfehlungen ernst zu nehmen. Generation ist keine Lehrveranstaltung: Nur wenn Erwachsene einen Film sehen wollen und deshalb sagen, mein Sechsjähriger ist ja viel reifer, ist schon mal ein bisschen Erziehung gefragt. Ab sieben, acht Jahren registrieren Kinder, dass Film etwas Gemachtes ist, dass es eine Kamera gibt. Die Kleineren fragen die Schauspieler nach dem Film: Deine Haare sind ganz anders, warst du beim Friseur? Oder: Habt ihr euch wirklich geküsst? Wir sagen gern, als grobes Unterscheidungsmerkmal, K-plus ist erster Kuss. 14plus erster Sex.

Wie wichtig ist das anschließende Publikumsgespräch?
Festivals sind ohnehin eine Ermunterung zum Gespräch, dazu, gemeinsam ins Kino zu gehen. Manchmal haben wir junge Protagonisten zu Gast, die noch nie einen Pass in der Hand hielten oder zum ersten Mal geflogen sind. Das sind besondere Publikumsbegegnungen und bringt für uns als Gastgeber eine große Verantwortung mit sich.

Gerade wurde die Geschichte von Nazif Mujic bekannt, der 2013 einen Darsteller-Bären gewann und jetzt mit seiner Familie Asyl in Berlin beantragt hat.
Wir bemühen uns darum, dass es unseren jungen Gästen gut geht, wir haben dafür ein kleines Extrabudget. Den brasilianischen Jungen, der die Reise nach Berlin im Urwald auf einem Esel begonnen hatte, nahm der Gästebetreuer in eine portugiesische Schule mit, wo er seine Fußballleidenschaft ausleben konnte. Und wir kooperieren eng mit den Filmemachern, die ja die Hauptverantwortung tragen. Der ungarische Regisseur, der vor einigen Jahren seine beiden jungen Protagonistinnen aus schwierigen sozialen Verhältnissen bei sich aufnahm, hat uns kürzlich eine Dankesmail geschickt, weil er sich gut von uns begleitet fühlte. Eines der Mädchen hat inzwischen in Frankreich seine eigene Familie gegründet.

Im Wettbewerb laufen etliche Beiträge mit Kindern als Protagonisten, das sind keine Filme für junge Menschen. Was qualifiziert einen Film für Generation?
Ein Charakteristikum ist die Augenhöhe, mit der der Film aus der Warte junger Menschen erzählt. Den Wettbewerbsfilm „Jack“ zeigen wir auch bei uns, jedes Jahr gibt es solche Cross-Section-Filme. Aber in der Tat ist ein Film über einen Fünfjährigen noch lange kein Film für Fünfjährige. Und wenn ein Film umgekehrt von Gewalt oder Unglück handelt, ist er nicht unbedingt nur etwas für Erwachsene. 70 Prozent der Generation-Beiträge sind nicht speziell für Kinder produziert, aber wir glauben, sie eignen sich besonders für sie. Weil sie ihre Freuden und Nöte darin wiederfinden können.

Sie schließen kein noch so grausames Thema für einen Generation-Film aus?
Doch, Missbrauch. Damit müssen sich die Erwachsenen auseinandersetzen, nicht die Kinder. Auch nicht, wenn aus der Perspektive des Opfers erzählt wird – wobei das selten vorkommt.

Den jugendlichen Besuchern des 14plusProgramms wird einiges zugemutet. In „Violet“ muss ein Junge mit ansehen, wie sein Freund erstochen wird. In „Il Sud è Niente“ erfährt ein Mädchen die Macht der Mafia in ihrem sizilianischem Dorf.
Die Auseinandersetzung mit dem Tod findet sich in etlichen Filmen. Sie kann nicht tabu sein, denn der Tod gehört auch bei jungen Menschen zum Leben dazu. Natürlich kommt es auf die Erzählweise an. Die Gewalt in „Violet“ wird nicht glorifiziert, sondern nüchtern aus der Distanz gezeigt, auf einer Überwachungskamera.

Eine häufige Kritik: Für die Jüngsten werden die Dialoge eingesprochen, alle anderen quälen sich mit Untertiteln.
Da lasse ich mich nicht beirren. Wir zeigen die 14plus-Filme original mit englischen Untertiteln, die K-plus-Filme ab 12 wenn möglich mit deutschen Untertiteln. Das Feedback auf den Fragebögen darauf ist positiv. Da bin ich dann doch pädagogisch: Die nächste Generation des deutschen Publikums an Filme in der Originalsprache heranzuführen, ist eine echte Aufgabe. Finnische Kinder, laut Pisastudie die besten Leser Europas, sehen selbst im Fernsehen Filme mit Untertiteln!

Und warum keine deutschen Filme im Programm?
Leider wurden wenige eingereicht, manche haben wir nicht bekommen. Es gibt offenbar die Furcht, man könne einen Film nicht mehr für ein erwachsenes Publikum vermarkten, wenn er im „Kids-Ghetto“ Generation gelaufen ist. Und es gibt die Überzeugung, dass nicht nur Kinder, sondern auch Kinderfilme sich gut benehmen sollten, mit drei klassischen Akten und Happy End. Da zeigen wir lieber Heiner Carows „Ikarus“ von 1975: ein toller Film über einen wütenden Jungen im Ost-Berlin der 70er Jahre.

Interview: Christiane Peitz

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