Interview : „Wer die Tragik versteht, kann auch laut lachen“

Regisseur Park Chan-wook über Horror und Humor – und die Hände koreanischer Schauspielerinnen.

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Park Chan-wook. -Foto: ddp

Herr Park, bislang waren Priester der natürliche Feind des Vampirs. Nun wird bei Ihnen der Priester selbst zum Blutsauger.



Das ist doch ein naheliegender Gedanke! In der katholischen Kirche trinkt der Priester Wein als Symbol für das Blut Christi. Mich wundert, dass nicht längst schon jemand einen Priester zum Vampir gemacht hat.

Sie sind in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen?


Ja, aber meine Eltern waren nicht streng damit. Der Katholizismus in Korea ist sehr liberal. In der Diktaturzeit kämpfte die katholische Kirche für Demokratie, heute sind unter den Katholiken viele junge Akademiker. Doch der Katholizismus – ebenso der Vampirismus – kam aus dem Westen nach Korea. So wie ein Virus über fremdes Blut in den Körper des Priesters eindringt. Darum geht es: Etwas Fremdes dringt ins Innere ein. Wird es angenommen? Oder abgestoßen?

Im Film bleibt der Ursprung des Virus aber unbekannt.

Woher diese Krankheit kommt, darauf habe auch ich keine Antwort. Für den Priester aber kommt sie von Gott. Er hält an seinem Glauben fest und akzeptiert die Krankheit als gottgewollt. Das bedeutet dann aber für ihn: Wenn ich diese Verwandlung als Gottes Wille akzeptiere, ist es dann auch Gottes Wille, dass ich Menschen töte, um zu überleben?

Der Fuchs fühlt sich nicht schuldig, wenn er das Huhn frisst. Der Priester schon.

Der Glaube zwingt ihn, seine neue Existenz anzunehmen. Doch in dieser neuen Existenz muss er zugleich gegen seinen Glauben handeln. Deshalb sucht er nach Kompromissen. Er erfindet Ausreden und hilft Selbstmördern, die ohnehin sterben wollen. Der schwarze Humor entsteht aus seinen Versuchen, den Heiligen und den Vampir in Einklang zu bringen. Wer diese Tragik versteht, kann in meinem Film viel und laut lachen.

Sie gelten als großer Stilist. In „Durst“ dagegen wirkt vieles eher schroff, vor allem die Liebesszenen. Die Körper sind verdreht, klammern sich aneinander.

Die Romantik und die Mystik des traditionellen Vampirfilms habe ich aus „Durst“ vollkommen entfernt. Ich wollte die Geschichte möglichst realistisch darstellen. Es soll wirken, als sei „Durst“ der erste Vampirfilm überhaupt.

Hat es deshalb zehn Jahre gedauert, bis aus der Idee ein fertiger Film wurde?

Damals gab es noch viele Leerstellen. Erst viel später fiel mir Emile Zolas „Thérèse Raquin“ in die Hände und ich dachte: Warum nicht meinen Vampirfilm mit Zolas Roman verknüpfen? Mir gefiel vor allem die Figur der Schwiegermutter. In ihren Augen sieht der Priester sein groteskes Verhalten. Mit der Zeit wurde aus einem Film über Religion ein Horrorfilm, dann eine Romanze, schließlich ein Film mit Humor.

Die Geliebte des Priesters ist Ihre schillerndste Frauenfigur bislang, vor allem dank der herausragenden Darstellerin Kim Ok-vin.

Kim ist eine gute Tänzerin. Mir gefällt die Anmut ihrer Bewegungen, vor allem wenn sie rennt und fliegt. Sie spielt eine Frau, die sich fast ausschließlich über ihre Augen mitteilt, manchmal sogar nur über die Augenlider. Das war eine große Herausforderung. Aber ich bin zunächst vor allem wegen ihrer Hände auf sie aufmerksam geworden. Die meisten koreanischen Filmschauspielerinnen haben zierliche, schöne Hände. Kim Ok-vins Hände dagegen sind groß und kräftig, die Gelenke wirken richtig dick, fast wie Männerhände. Wenn sie den Priester hält, sieht man: Sie hält ihn nicht zärtlich, sondern mit Kraft.

Gewalt spielt in Ihren Filmen eine zentrale Rolle. Sie scheinen dabei stets genau zu wissen, was Sie zeigen wollen und was nicht.

Ich benutze Gewaltdarstellungen niemals, um ein Gefühl der Euphorie oder der Befreiung entstehen zu lassen. Der Moment, in dem die Gewalt ausgeübt wird, ist mir nicht wichtig. Wichtig ist das Davor und das Danach. Vor der Gewaltausübung hat man Angst. Danach fühlt man sich schuldig. Täter und Opfer leiden beide darunter, dass Gewalt ausgeübt wurde. Dieses Leid will ich zeigen. Einige Gewaltszenen in meinen Filmen sind zwar voller Ironie. Sie sind es aber nur, damit dem Zuschauer am Ende das Lachen im Halse stecken bleibt.

Sind Sie also ein moralischer Regisseur?

Ich bin kein Moralist. Aber ich zeige die Konsequenzen des Handelns. Insofern bin ich vielleicht ein moralischer Filmemacher.


Das Gespräch führte Sebastian Handke.


- PARK CHAN-WOOK (46), der Visionär des südkoreanischen Films, hat seit 1992 zehn Spielfilme gedreht. Für „Durst“ erhielt er in Cannes im Mai 2009 denPreis der Jury.

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