Interview zum Bauhaus : „An die Grenzen gehen und das Besondere suchen“

Der Möbelhersteller Thonet feiert mit einer Sonderedition des Freischwingers „S 43“ das 90-jährige Bauhaus-Jubiläum. Ein Gespräch mit dem Firmeninhaber Philipp Thonet.

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Der Freischwinger wurde 1926 erfunden. Dessen Nachfolger »S 43« kommt jetzt in neuen kräftigen Farben auf den Markt. -Foto: Promo

„Warum vier Beine nehmen, wenn zwei ausreichen?“, fragte der Dadaist Kurt Schwitters, nachdem im Jahr 1926 die Stahlrohrsensation des niederländischen Architekten und „Bauhaus“-Dozenten Mart Stam herausgekommen war. Weiterentwickelt entstand daraus der dynamische Freischwinger, das einflussreichste Stuhldesign des 20. Jahrhunderts – noch heute produziert von dem traditionsreichen Möbelhersteller Thonet. Mit Philipp Thonet, der das Familienunternehmen in fünfter Generation gemeinsam mit seinen Brüdern Claus und Peter Thonet leitet, sprach Nora Sobich.

Herr Thonet, der Entwurf des Freischwingers scheint klar und eindeutig, die Entwicklungsgeschichte des Möbels dagegen weniger. Viele waren daran beteiligt.

Nach unserem Kenntnisstand war es Mart Stam, der die Konstruktion im Sinne des Kubismus entwickelt hat. In Vorbereitung auf die Ausstellung zur Weißenhofsiedlung in Stuttgart zeigte er den Entwurf Mies van der Rohe, der dann kurze Zeit später mit dem „MR 533“ kam.

Der so genannte Kragstuhl von Mart Stam federte nicht.

Stams Prototyp war aus Gasrohren, die nicht nachgaben. Es war aber auch nicht die Intention von Stam gewesen, das Möbel frei schwingend zu machen. Es war eher die Ästhetik, während Mies van der Rohe schon sah, dass die Konstruktion auch federn kann, und sich daraus etwas Bequemeres machen ließ.

Auch Marcel Breuer kam hinzu.

Breuer entwickelte unter Ausnutzung des Prinzips von Stam unterschiedliche Garnituren und experimentierte mit verschiedenen Materialien. Am berühmtesten ist sein Freischwinger „Cesca“, der Name abgeleitet von dem seiner Tochter Francesca, bei Thonet unter der Typenbezeichnung „S 32“ geführt.

Stam und Breuer haben bis ins hohe Alter um die Urheberschaft gestritten. Am Ende ging der Streit bis zum Bundesgerichtshof. Widerspricht das dem Klischee, das Bauhaus habe persönliche Autorenschaft abschaffen wollen?

Das waren freie Arbeiten. Die Entwürfe standen nicht in direktem Zusammenhang mit dem Bauhaus. Sie kamen ja auch erst Ende der 20er Jahre heraus.

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Philipp Thonet leitet das Familienunternehmen Thonet in fünfter Generation zusammen mit seinen Brüdern Claus und Peter. -Foto: Promo

Wie kam die Firma Thonet zum Freischwinger?



Über die Firma Standard-Möbel, dessen Geschäftsführer Anton Lorenz war. Anfang der 30er Jahre kaufte Thonet Standard-Möbel und trat mit Lorenz, der die Firma Desta gegründet hatte, in Nutzungsverhandlung für alle Stahlrohr-Entwürfe von Breuer, Stam und Mies van der Rohe. Es ging auch darum, einen Hersteller zu finden, der in größerem Umfang produzieren konnte, so dass die Herstellung keine Werkstatt blieb.

Thonet wurde zum größten Produzenten von Stahlrohrmöbeln. War die Verwendung von Stahl im Möbelbau noch völlig neu?

Es gab bereits die französischen Parkstühle, die ersten Stahlstühle, die in größeren Mengen für draußen produziert wurden, aber aus Flachstahl. Stahlrohr war bis dahin noch unbekannt.

Für die Geschmacksnerven müssen diese Möbel eine Herausforderung gewesen sein.

Stahlrohrmöbel waren revolutionär. Die Modernisten begeisterte die Idee der Industrialisierung und glänzenden Maschinenästhetik, und sie machten daraus Möbel. Wenn ich mir den ersten Stam ansehe, ein Konstrukt aus Stahlrohr, in das ein Tuch gehängt war und darauf sollte man sitzen... Die Leute dachten wahrscheinlich, die spinnen.

Wie entwickelte sich die Nachfrage? Denn nach 1936 war es ja mit der Moderne erst einmal zu Ende.

Im Krieg wurden sowieso nicht viele Möbel produziert, schon gar nicht aus Stahl. Wir haben vornehmlich einfache Lattenstühle aus Holz produziert.

Wann begann die große Zeit der Stahlrohrfreischwinger?

Sehr spät, die Sachlichkeit wurde nicht so einfach akzeptiert. Ende der 70er Jahre hielt der Freischwinger Einzug ins Büroleben und kam darüber dann auch in größerem Stil ins Wohnen.

Waren die ersten Stahlrohrmöbel preiswert, so genannte Möbel für alle?

Ich glaube nicht. Dafür fehlten die Stückzahlen. Obwohl die Idee schon war, den Freischwinger als Konsumgut in großer Masse zu produzieren. Es haperte allerdings an der Akzeptanz der Gestaltung und eben dem Preis. Der war vielleicht nicht besonders hoch, aber der Gegenwert wurde visuell nicht erkannt.

Unternehmenspolitisch war diese Entscheidung also ein Wagnis?

Thonet suchte damals nach neuen Materialien. Der Bugholzabsatz war bereits vor dem Krieg zurückgegangen. Es klingt vielleicht naiv, aber bei beiden Konstruktionen, sowohl beim Bugholzstuhl als auch bei den Freischwingern, geht es ums Biegen, einmal wird Holz gebogen, einmal Stahl, so wurde auch eine Brücke geschlagen.

Thonet gibt anlässlich des Bauhaus-Jubiläums jetzt den „S43“ von Mart Stam in einer Sonderedition heraus. Sind die zehn Farben Original-Stam-Farben?

Nein, wir haben Farben gesucht, aber keine bei Stam gefunden. James Irvine hat das Farbkonzept entwickelt.

Sind nachträgliche Anpassungen im Sinne der Entwerfer?

Design ist auch ein konstruktiver Prozess, der sich nach den Bedürfnissen des Marktes und den Fertigungstechniken richtet. Wir haben es hier nicht mit Kunsthandwerk zu tun. Es gab mal eine Diskussion, da wurde uns vorgeworfen: „Ihr nehmt ja gar keine Schlitzschrauben.“ Heute ist es akzeptiert, dass hier keine Antiquitäten produziert werden, sondern Industrieprodukte. Auch Breuer und Mies van der Rohe sahen ihre Entwürfe als Industrieprodukte. Insofern muss die Offenheit sein, sich auf Anforderungen des Marktes einzulassen und besonders auf technische Neuerungen.

Um Design-Klassiker aktuell zu halten, fördert Thonet neue Interpretationen und kooperiert mit der japanischen Marke Muji.

Wir sind hier nur der Lieferant. Also wir vertreiben nicht, wir liefern nur den Namen und die Stühle, die die Marke Muji in ihrem Sinne hat re-gestalten lassen. Konstantin Grcic hat gerade nach klassischen Vorbildern einen Freischwinger mit Tischkollektion entworfen und James Irvine eine Neuinterpretation des Bugholzstuhls.

Eine gute Idee?

Ja, es ist die Zeit, Synergien mit anderen Marken zu suchen.

Ist die Idee des Freischwingers heute immer noch zündend?

Wir machen ja viele Freischwinger. Es ist nicht so, dass wir an dem Thema kleben, aber es ist uns sehr wichtig. Neben den Klassikern stellen wir auch viele Freischwinger für den Konferenzbereich her. Im gesamten europäischen Raum sind hier Freischwinger sehr präsent, allerdings nicht im angelsächsischen Raum, denen ist der Freischwinger zu zappelig, da bevorzugt man Drehstühle.

In welchem Bereich hat sich der jetzt in einer Sonderedition herausgebrachte „S43“ von Mart Stam durchgesetzt?

Von der Idee her war der Stuhl ja für alles gedacht, aber weil er so schmucklos und sachlich ist, hat er sich vor allem in der Zwecknutzung durchgesetzt, nicht so sehr im Wohnstil.

Im Gegensatz zu dem von Mies van der Rohe?

Ja, ein wunderschöner Stuhl, allerdings verdammt zum Einzelstück. Wenn ich ihn am Tisch habe, kann ich nur mühsam aufstehen, man kommt wegen den großen Bögen seitlich schwer heraus.

Zu den neuen Designstars, mit denen Thonet zusammenarbeitet, gehört Stefan Diez. Was verbindet Diez und Thonet?

Stefan Diez ist ein starker Experimentierer. Die Stühle „404“ von Diez sehen zwar sehr verständlich aus, in ihnen steckt aber viel Grübelarbeit. Das ist seit jeher auch das Konzept von Thonet, produktionstechnisch an Grenzen zu gehen und stets das Besondere zu suchen.

- Im Stilwerk in der Kantstraße 17 ist noch bis zum 12. August die Ausstellung „Thonet Stahlrohrmöbel Klassiker – 90 Jahre Bauhaus“ zu sehen (montags bis sonnabends von 8 bis 22 Uhr, sonntags von 11 bis 22 Uhr).


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