Kultur : Iran: Schwarze Sonne, schwarze Schleier

Doris Meierhenrich

Dass das Innerste immer an der Oberfläche liegt, ist seit jeher die Lust der Kunst und die Last der Politik. Oberflächen zu öffnen und zu verhüllen sind beider kompliziertes Wechselspiel. Je konsequenter die Verhüllungen sind, desto deutlicher zeichnet sich darunter der nackte Kern ab. Dass Staaten, denen die Religion das Gesetz gibt, diese Dialektik am meisten fürchten und sie zugleich am strengsten hüten, zeigt der islamisch regierte Iran seit über 20 Jahren.

Zensur und schwarze Schleier schützen dort, was andernorts rhetorische Dreifachpiruetten zerstreuen: Ein Wort ist ein Wort und Körper sind Körper. Frauen und Künstlern gilt diese Repression gleichermaßen. Es scheint, als zögen die Manuskripte, die seit Jahren in den Zensurbehörden verschwinden, in den schwarzen Schleiern auf den Straßen ihre Phantomspuren. Genau ins Schwarze trifft daher das Haus der Kulturen der Welt, das mit einer iranischen Filmreihe, die sich ausschließlich Frauenportraits widmet, den Iran als Reformland der 90er Jahre vorstellt. Im Rahmen des Kulturfestivals "Iran: Neue Bilder - Neue Stimmen" kann man zudem bei Theaterstücken, Lesungen und in einer Fotoausstellung erkunden, wie sich die Verhüllungsstrategien der schiitischen Gesellschaft elf Jahre nach dem Tod Ajatollah Chomeinis und drei Jahre nach dem Amtsantritt des reformorientierten Präsidenten Chatami neu ordnen.

Aufbruch ist das Zauberwort. Auch die Filmbilder sprechen es in ihren vielen Sprachen aus. Ein blasses Mädchen mit schwarzem Kopftuch geht auf Holzschlappen steif und ungelenk durch eine leere Teheraner Gasse. An einem Wasserhahn hält es seinen kleinen Handspiegel unter das laufende Wasser - und plötzlich sieht es so neugierig, so erstaunt auf sein verschwommenes Spiegelbild, als sähe es sich überhaupt zum ersten Mal. Vor zwei Jahren drehte die gerade 18-jährige Samira Makhmalbaf, Tochter des prominenten Filmregisseurs Mohsen Makhmalbaf, diese Szene zu einer Geschichte, die in den Teheraner Zeitungen damals große Wellen schlug: Man hatte einen Mann ausfindig gemacht, der seine beiden Töchter elf Jahre lang eingesperrt hielt, nicht aus Bosheit, sondern aus Angst vor "antiislamischen Gefahren"; gemeint damit waren die Nachbarsjungen. Samira Makhmalbaf ließ die Betroffenen selbst diese Befreiung von der eigenen Angst nachspielen und entwarf den ebenso authentischen wie in seiner poetischen Bildersprache einfallsreichen Film "Der Apfel".

Auch hinter den Türgittern waren die Mädchen glücklich, sie tunken ihre Hände in schwarze Farbe und klatschen sie lachend nacheinander an die helle Kalkwand: Sonnenbilder, so schwarz wie die Kopftücher ihrer kleinen Schöpferinnen. Der Film, ausgezeichnet in Cannes und Venedig, ist eine leise, kunstvolle Parabel auf die Erneuerung im Iran. Die Künstler dort haben gelernt, mit Schleiern umzugehen und durch die kleinsten Zeichen die Gesichter dahinter aufscheinen zu lassen. Reduktion ist ihr wichtigstes Stilmittel; auch "Der Apfel" steht in dieser Tradition, obwohl sich, wie es scheint, seine künstlerische Feinheit nicht mehr aus der Opposition erfindet. Im Gegenteil, fast könnte man meinen, er sei direkt vom Sozialamt gegen konservativen Islamismus in Auftrag gegeben.

Wie weit diese Selbstbefreiung des Religionsstaates tatsächlich geht, wer den Machtkampf gewinnt zwischen klerikaler Führung und Parlament, werden die nächsten Monate zeigen. Wie subtil die Frauen ihre schwarzen Tschadors schon jetzt zu Maskenspielen nutzen, ist in der Dokumentation "Divorce Iranian Style" zu bestaunen. Über mehrere Wochen haben die Engländerin Kim Longinotto und die in London lebende Iranerin Ziba Mir-Hosseini in einem Teheraner Familiengericht Verhandlungen gefilmt. Ihre Kamera blickt nicht nur auf das patriarchale Rechtssystem, sondern, indem sie auf die Frauengesichter hält, in das Innere der Familien selbst. Die Männer stehen meist stumm vor dem Richter, die Frauen aber reden, fordern und feilschen wie auf dem Basar. Am Eingang wischen sie sich flink die Schminke aus dem Gesicht, eine schimpft laut, eine andere weint und versteckt kurz darauf ihr Lächeln hinterm Schleier, wieder eine schmeichelt dem Aktenverwalter, um ihren Fall voranzutreiben.

Weil sie kaum Rechte haben, bleibt den Frauen nur das Theater - und das beherrschen sie blendend. Neben dieser brillanten Dokumentation sind vor allem Arbeiten der wichtigsten Filmemacher aus dem Iran selbst zu entdecken. Dariush Mehrjuis Geschichte der "Banu" zum Beispiel, einer Frau, die wie eine Tschechowfigur durch ihre Villa im verschneiten Teheran streift und keinen Weg findet vom islamischen Glauben zum Leben im islamischen Staat. Von 1992 stammt dieser geheimnisvolle Film, vor zwei Jahren erst gab ihn die Zensur frei. Seit ihrer Entstehung 1997 verboten ist die Komödie "Die fünfte Jahreszeit" des in Frankreich lebenden Iraners Rafi Pitts. In Berlin kann man sehen, wie viel Humor den iranischen Behörden noch fehlt.

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