Iran : Sonnenfinsternis in Teheran

Lernen von Stalin, Hitler, Mao: Der jüngste Schauprozess des iranischen Mullah-Regimes hat Tradition.

Peter von becker
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Vorbild Moskau. Ankläger Krylenko beim Schauprozess 1936. -Foto: culture-images

Die Vereidigung des neuen und alten Präsidenten gestern in Teheran war gewiss eine Farce. Doch angesichts der iranischen Tragödie gibt es nichts zu lachen – wirkt das alles auch noch so grotesk: diese eingeschworene Lüge.

Das gruseligste Lügentheater moderner Diktaturen aber ist der Schauprozess. Hier wird das Tribunal zur obszönen Szene. Man hat es, gleichsam als Auftakt zu Ahmadinedschads zweiter Amtszeit, an den Bildern und Berichten vom jetzt begonnenen Teheraner Prozess gegen rund 100 Demonstranten und prominente Reformpolitiker erkennen können.

Zu Zeiten der Inquisition und des Absolutismus zeigte die öffentliche Hinrichtung als Inszenierung und Volksspektakel nur das Finale des Verfahrens. Die peinliche Befragung, wie die peinigende Folter einst hieß, und der eigentliche Gerichtsprozess fanden im Geheimen statt. Erst die Französische Revolution setzte vor die öffentliche Guillotinierung auch das Justiztheater – daraus schöpfte Georg Büchner sein historisches Drama von „Dantons Tod“. Im Falle Dantons und seiner angeblich konterrevolutionären Freunde waren freilich nur die Zeugen und Richter bestochen und indoktriniert, die Angeklagten indes riefen den robespierristischen Anklägern offen ihre eigene Wahrheit entgegen.

Spätestens Josef Stalin hatte daraus gelernt. Als er sich zwischen 1936 und ’38 vieler seiner früheren Mitstreiter unter der Bezichtigung „trotzkistischer“ Verschwörungen und der Konspiration „mit ausländischen Kräften“ entledigte, ließ der rote Diktator die berühmt-berüchtigten „Moskauer Prozesse“ inszenieren. Vor ausgesuchten Zuschauern und einzelnen Pressevertetern (sowie Kameras der sowjetischen Wochenschau) gab es die gespenstischen Verhöre durch Stalins Chefankläger Krylenko und dann den berüchtigten Wyschinski, der später Außenminister wurde und heute noch im Staatsgrab an der Kremlmauer ruht. Bei diesen Befragungen und in ihren Schlussworten bekannten sich herausragende Altrevolutionäre wie Bucharin und der Autor Karl Radek umfassend schuldig, bezichtigten sich wortreich, Partei und Vaterland verraten zu haben und forderten für sich selbst, im Angesicht der Exekution oder des ebenso mörderischen Gulags, oft noch ein möglichst strenges, „gerechtes“ Urteil.

Obwohl das alles ganz unwahrscheinlich klang, ließen sich auch viele westliche Beobachter und Intellektuelle täuschen – oder wollten nicht glauben, was ihrem Glauben an die kommunistische Welterlösung widersprach. Erst Arthur Koestlers 1940 zuerst auf Englisch, später in mehr als dreißig Sprachen erschienener Roman „Sonnenfinsternis“ („Dark- ness at Noon“) schlug eine Bresche ins falsche Bewusstsein.

Koestler, gebürtiger Budapester und bis zu Hitlers Machtergreifung Publizist in Wien und Berlin, war selber Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen. Stalins Säuberungen im Spanischen Bürgerkrieg, fast zeitgleich mit den Moskauer Prozessen, öffneten ihm jedoch die Augen. Und seine „Sonnenfinsternis“ beschreibt, wie ein Verhafteter des totalitären Regimes mit dem Vorsitzenden „Nummer Eins“ (= Stalin) im Verlauf der Verhöre seine Seele, Selbstachtung und schon vor dem Tod sein Leben verliert.

Daran erinnerte am vergangenen Wochenende der vom iranischen Staatsfernsehen gesendete und in Fotos dokumentierte Auftritt des bisher exponiertesten Angeklagten vor dem „Revolutionären Gerichtshof“ im „Imam-Chomeini-Justizzentrum“ von Teheran. Der ehemalige iranische Vizepräsident Mohammed Ali Abtahi, ein so genannter Reformgeistlicher und bekannt auch als der „bloggende Mullah“, hatte die angebliche Wahl Ahmadinedschads noch auf seiner letzten Internetseite am 12. Juni als „großen Schwindel“ kritisiert. Kurz darauf wurde er verhaftet. Nur sechs Wochen später erklärt Abtahi nun in einem von ihm zum Prozessauftakt verlesenen Text, der Vorwurf des Wahlbetrugs sei nichts als eine „große Lüge“ und die Massenproteste im Juni seien die Kulisse für einen von ausländischen Mächten versuchten Staatsstreich gewesen.

Die Primitivität und einfältige Schematik des vorgeblichen Geständnisses wirken wiederum grotesk, und Abtahis Frau sagt, ihr Mann sei offenbar unter Drogen gesetzt worden. Doch der Vorgang ist grausig und noch fürchterlicher ist, was er verbirgt. Einer der Verantwortlichen in Teherans Evin-Gefängnis, das schon zu Schah-Zeiten berüchtigt war und das viele der jüngst verhafteten jugendlichen Demonstranten nur als verstümmelte Leichname verlassen haben, er soll gesagt haben, dass seine Techniken „selbst einen Hahn zum Eierlegen bringen“. Oppositionsführer Hossein Mussawi spricht von „mittelalterlichen Foltermethoden“.

Ob mittelalterlich oder eher sehr neuzeitlich, also ohne sofort sichtbare äußere Spuren: Nach sechs Wochen in den Händen der Verhörspezialisten des Regimes werden die Angeklagten in diesem hastig arrangierten Schauprozess des kleinen Diktators und seiner finsteren Obermullahs in schlafanzugähnlichen Gefängniskitteln vorgeführt. Abtahi ist aller weltlichen Zeichen seiner geistlichen Würde schon vor der Verurteilung beraubt. Barhäuptig, hohläugig, mit ein paar leidenschaftlich wirken wollenden Gebärden bringt er seine Selbstanklage vor, seine Selbstverleugnung; aber der künstlichen Pathetik widerspricht der panische Blick.

Es gibt keine Verteidigung, und selbst die ausgesuchten Besucher im Publikum erscheinen wie hineingeduckt, manchmal weggeduckt: wie in Furcht vor den gegenwärtigen Machthabern und zugleich in Sorge, was ihr Bild unter womöglich veränderten, künftigen Umständen erzählen oder verraten könnte. Dieser unbehagliche, nicht unbedingt regimestramme Ernst ist übrigens auch auf Fotos und Filmaufnahmen von den Volksgerichtshofs-Prozessen gegen die Widerständler des 20. Juli in den Gesichtern der ausgewählten oder eigens hinbefohlenen Zuschauer zu lesen (einer von ihnen war der junge Helmut Schmidt).

Was immer sich hinter der Schauseite solcher Scheinprozesse verbirgt: Die Szenen der öffentlichen Demütigung, die ja schon die vorweggenommene Hinrichtung bedeutet, sind so furchtbar, dass sie auch gegen die Inszenatoren zurückschlagen. So hatten die Nazis es nicht mehr gewagt, ihre Filme vom Volksgerichtshof mit dem belfernden Präsidenten Freisler und den äußerlich entwürdigten, von Folter gezeichneten, aber nicht gebrochenen Widerständigen in der Reichswochenschau zu zeigen. Auch auf Teherans Regime schlagen die Bilder ihrer Geschichts- und Menschen(ver)fälschung zurück. Nur Blinde und Hardliner fallen ihnen anheim. Denn Stalins oder Maos massenhafte Gehirnwäschen in abgedichtet sonnenfinsteren Welten gibt es im Internetzeitalter so total totalitär nicht mehr.

Aber es bleibt der humane Skandal der Folter. Jean Améry, der noch 35 Jahre nach der überlebten Peinigung durch NS-Schergen Selbstmord beging, hat die Tortur so genau beschrieben wie niemand sonst. Jenseits des unvorstellbaren Schmerzes werde das menschliche Urvertrauen, Subjekt und nicht nur ein Ding, ein Dreck aus Fleisch und Knochen zu sein, für immer verletzt. Es bleibe dem Gefolterten eine so nie mehr „auszugleichende Fremdheit in der Welt“. Das ist die absolute Sonnenfinsternis.

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